Diary

Christa Estenfeld | Web Diary
Auszüge aus den Texten 2001–2002
(die vollständigen Diary-Texte dieser Jahre finden Sie im Diary-Archiv)
http://schreizeichen.de/webdiary-archiv

25.08.2002
Keine Versicherung gegen Elementarschäden steht dir mehr zu. Du musst selber vorsorgen. Von wegen, Lara Croft hängt nicht mehr rum. Da ist noch das pendelnde Seil, ein entrollter Feuerwehrschlauch und der Bauchnabel dieser Schönen, die es sich nicht nehmen lässt, durch die Museen zu tanzen. Sie watet durch die Skulpturensammlungen, ihre ausgestellten Hosen ziehen Wasser im steinern Verstaubten, – dennoch reißt sie uns mit. Dann Eva Hesse.
1. Verloren und wiedergefunden: vier Zeichnungen
Sie waren geborgen. Gleich ins Kästchen gesetzt wie braune Kaninchen.
„Warum soll ich nicht eine Weile sowas machen?“, meinte Eva. Die dunklen Figuren, die Kleckspopanze, die vier heiligen Drei-Könige, sie sind verschwunden gewesen. Lara hat sie zurückgeholt aus der Versenkung und gar nicht abkassiert. Sie ist ins Schauen gekommen und pendelt versonnen vor den Exponaten. Henry Moores Engerlinge in den Londoner U-Bahn-Schächten sind in Reichweite, aber Evas Kaninchen haben mehr Wolle auf sich. Will sagen, da ist so viel mehr Geheimnis und Kontrast, ein Negativ-Kind auf einer Sofakante. Figur im Raum, der keinen Platz bietet. Alles Komposition, Pinselzeichnung. Joseph Cornell soll bei ihr im Hinterkopf mitgemischt haben. Ich weiß nicht. Und ach, ihr Käferchen in der Kanalisation New Yorks geborgen, immer müsst ihr zappeln, ausgerastet. Wers dort schafft, schaffts überall. Klebrige Ölfarbe, hungrige Gottesanbeterin.
Ich will dir was sagen: Man sollte die Romane bebildern, sie wären noch spannender.
2. Legs of a walking Ball
Angeschnitten der Wurf, der Wollknäuel, eingerollt in seiner Bahn, wirft Schatten. Die Farben so bleich, ein 50er Jahre Bad. Da spring ich ins Becken, leg ich mich unter die Höhensonne, gleich wird eine Geschichte draus. Ich weiß nicht, was du sagen würdest, würde dich diese Arbeit wie mich berühren.
Beruhigend muss es sein, so ein Muster zu legen und mit Klebepaste zu fixieren. Ach, dieses Op-Art-Herz pulst wie ein hinterm Ofen gestrickter Bildschirm. Der kleine rote Scheibenwischer legt nur ein Segment unten links frei. Das Rote ist ein abgestürzter Pfeil. Auch er wirft wie der Ball seinen Schatten nach rechts. Sind das die Legs? Spermien, Neuzeit-Gene? Angeschnitten die stumme Schnauze, das dünne Hälschen.
3. Two in one
Das Kind lässt die Schere fallen und die Fäden drehen sich hast du nicht gesehen um sich selbst. So entsteht die Kordel, seidenmatt. So entsteht ein Kordeldruck:
Kleb das hart Gedrehte in Reihen auf. Die Reihen dürfen sich wellen und wie Augen kollern mit. Nimm einen Teil, schneide dir eine Form. Irgendwas. Auf rosa Spanplatte wird ein Eulenkopf daraus. In die zwei rotierenden Spiralen tröple etwas Braunes und die Eule heult sich die tintigen Klunker aus. Das eingerammte rote Näschen nutzt nichts. Es bleibt in der Vogelperspektive flach wie der Obelisk überm Markusplatz. Die Augen schreien: Bitte, nicht drucken!
4. Tomorrow’s Apples
Im Baum seltsam rauhputzige Windeln, weiß. Ein Säugling ist nicht vorhanden. Vielleicht tomorrow? Aus dem Weiß, von einer zur andern Windel wachsen dünne Raupen in intensiven Farben. Das Weiß überstaubt ihren Rücken. Mehltau? Zwei Saugnäpfe besitzen sie, vorn und hinten. Es sieht so aus, als ob ihnen unterm Bauch Äpfel wachsen und sie auf dem Objekt ihrer Begierde ein neues Leben beginnen. Vielleicht tomorrow?

09.07.2002
Wir schleichen auf leisen Sohlen, als käme Herbstnacht und Melancholie über uns statt ungebundener Ferientage.
Noch können wir Gastgeber sein und bei offenem Wintergarten ins Reden kommen, Grillen und Auftischen. Hj trank den ganzen Abend seine Apfelschorle. Bonny ist unser Lichtblick. Ihr Blick, ich weiß nicht, wieviel sie von ihrer Umwelt noch unterscheidet, widmet sich hingebungsvoll allen Besuchern. Ich kanns nicht anders sagen, der Hund schaut einem ins Herz.
Heute früh wieder an der Nahe spazieren gewesen. Im Kopf das Arbeitspensum sondiert.
Auch als die 12er wandertags in Kreuznach zeichneten, hatte ich plötzlich ein Bühnenbild vor Augen, dass ich Lust bekam, das Stück für die Bühne zu schreiben. Einmal die Chose in gesprochene Worte umbrechen, Dialoge hinwerfen und das andere ungeschaut lassen.
Hatte ja auch viel Furcht, Dialoge in den Erzählungen anzugehen. Im Text zum Vater und seinen drei Töchtern sind aus den Kapiteln Szenen geworden.
Etwas im Raum und öffentlich ansiedeln, bei Freilicht an die Wand spielen. Eine Zimmerpflanze umtopfen. Der Theaterkasten offenbahrt die Begrenztheit unseres Planeten. Meer und Wüste, das scheinbar Große, wird von der Sehnsucht geschrumpft. Die Welt zeigt sich uns immer wieder als Kinderstube.
Ja, die Natur schrumpfen lassen, auf der einen Seite, auf der anderen die Sprache befreien. Dass es wahrer heraus kommt, was der Mensch auf, vor, hinter seinen Brettern sagen will. Licht ergibt Schatten. Der Schatten entzerrt den Wust des Objekts.

18.06.2002
Heute ist der heißeste Tag seit 50 Jahren. Im Sommer vor drei Jahren machte ich diesen lautlosen Spaziergang, während eine magische Erscheinung, eine kühle Sonnenfinsternis, Himmel und Weinberge vergraute und die Tiere in ihren Verstecken den Atem anhielten. Ich lebte so sehr in Erwartung, dass ich den Zustand des merkwürdig einmaligen Glücksmoments nicht begriff.
Heute Morgen, als ich Bad Kreuznach verließ, kamen mir immer wieder Wagen mit aufgepflanzten Fahnen, hupend entgegen. Winkende Arme streckten sich aus den Fenstern. Die Fahnen waren so blutrot, der Halbmond so weiß, dass ich erschrak. Aber es war nichts geschehen, als dass die türkische Fußball-Mannschaft gegen die japanische gewonnen hatte. Ein Immigrant grölte aus dem Radio: Türkei, Weltmeister. Ein Ureinwohner, hielt kommentierend dagegen, das brauche nun nicht unbedingt zu sein. „Unsere Leute“ werden wie auch immer am Freitag mit Trauerflor antreten. Gestern ist Fritz Walter, „der Held von Bern“, gestorben.

13.04.2002
Da fassen sich die Erscheinungen an den Händen und der Kreis, den sie bilden wollen, weitet sich, schlingt sich über die Ränder hinaus zu herrlichen Achten. Sie sind nicht geklont oder dupliziert. Wie könnte das möglich sein?
Die kleine Schauspielerin schaut zu dem kleineren Maler auf. Reizend wie sie aufstöhnt: „Was zeichnest du mich nur immer so hässlich, Henry?“ und er stellt die Gegenfrage: „Was erwartest du von einem wie mir?“
Nein, fährt er fort, die menschliche Gestalt allein existiert. Das sind keine Krüppel-Karikaturen sondern Menschen. Siehst du nicht, dass die Linie entscheidet? Die elegante, gewitzte Linie. Sie ist zu allem fähig. Aus Realismus und Idealisierung entsteht dieser Stil von Entfremdung und raffinierter Annäherung.
Es geht zackig zu, wie am Fliessband ausgeschnitten und die Geschöpfe freuen sich ihrer Gemeinschaft. An den ausgestreckten Armen die schlanken Finger, sehnsüchtige Würmer. Die Fliesband-Gesellschaft möchte Gauguins Polynesien besuchen und in weiche Haut tauchen. Sich losmachen aus Familien-Bindungen, aus dem Gekreische von Kinderstuben und Frauentränen. Alle sind sie als Männer verkleidet und schämen sich nicht. Flach und anspruchslos schaffen sie es in farbglühende Exotik, tanzen. Lassen nicht locker, lassen sich locken. Lachen. Sind schön, gehen unter.

08.02.2002
Vorgestern, am fetten Donnerstag kam mir der Tod entgegen. In Bad- Kreuznach ist an diesem Tag schon der Teufel los und die Weiber übernehmen bei dem wüsten Schwofen die Führung.
Als ich mittags in die Schule fahren wollte, kam der Tod die Nahe-Wein-Straße herauf. Er war ein kleines Mädchen von etwa zehn. Der rückwärtige Teil seines bleichen Schädels steckte in der schwarzen Kapuze eines Scharfrichters. Augen und Nase waren gekonnt durch Schminke ausgelöscht. Der kleine Aufkreuzer erinnerte an ein in Tinte getauchtes Rotkäppchen.
Ich weiß nicht mehr, ob der Tod die obligate Sichel bei sich trug. Selbstverständlich und furchtlos kam er auf mich zu. Sein strahlendes Skelett war in wirkungsvollem Kontrast auf einen Hintergrund in Rot und Schwarz, sein festliches Kostüm, aufgedruckt.
Ich überlegte, ob ich noch eine Runde drehen sollte, um ihm ein zweites Mal zu begegnen, um ihn vorbereitet kennen zu lernen. Doch ich war spät dran. Auch fielen mir Schlagzeilen der unmittelbaren Gegenwart ein, von Familien, die es nicht ausgehalten hatten und sich gegenseitig mit Beil, Axt und Schlachtermesser ins Jenseits befördert hatten. Besser so, hatte der eine, der überlebt hatte, zu Protokoll gegeben. Vom Teufel Besessene, noch im Gerichtssaal schrecklich grimassierende Paare, befinden sich unter den Killern der Saison. Nun hatte ich den Anstifter und Nutznießer vor mir. Ich erschrak, wollte nicht freiwillig in diese blutarmen, krüppligen Arme laufen, noch bin ich kein Selbstmörder. Aber ich dachte an ein Gedicht von Dorothy Parker, von dem ich Bruchstücke behalten habe. Ich rekonstruiere etwa Folgendes:
„Gas stinkt,
Tabletten sind zu bitter.
Der Tod hinkt,
er ist mir kein Ritter.
Zum tiefen, letzten Fall
musst du zum Steigen dich bequemen.
Viel zu erschreckend Pistolenknall.
Wer will sich da noch das Leben nehmen?“
Auf den Stufen, die zum Eingang des Gymnasiums führten, stand, als ich ankam, ein schmuckes Teufelchen, das ein unmaskierter Schüler anzumachen versuchte. Das gab mir zu denken. Im Innern der Burg herrschte gedämpftes Toben.

22.8.2001
Meckie erzählt ein Geschichtchen: Da spazierten eines Samstagvormittags zwei ältere Menschen mit ihrem Hund durch die Wiesbadener Innenstadt. Vielleicht sahen sie sich die Schaufenster der Geschäfte an. Der Hund war ebenfalls schon alt und trottete ihnen an seiner Leine nach. Einmal wollte er nicht weiter, obwohl die Frau an der Leine zog. Als der Mann und die Frau sich umwandten, fiel der Hund zur Seite und rührte sich nicht mehr. Sie sahen es gleich. Er war tot. Sie liefen hin zu ihm, waren ganz außer sich. Was sollten sie tun? Die Passanten belästigte der Anblick der beiden echauffierten Alten, sie machten einen Bogen um sie und den hingesunkenen Kadaver. Kein Polizist, kein Helfer weit und breit.
Hier lass ich ihn nicht liegen, sagte die Frau. Wir müssen ihn nach Hause schaffen, sagte der Mann. Sie hatten schon ein Plätzchen in ihrem Garten reserviert, wo sie den alten Gefährten bestatten wollten. Das tote Tier war aber schwer und groß. Da erkannte der Mann im Laden schräg gegenüber das Geschäft wieder, wo sie vor Jahren ihren ersten Farbfernseher gekauft hatten. Auch er war ihnen ein treuer Freund gewesen. In diesem Laden gab es Leute, die ihnen halfen, nachdem das alte Ehepaar den haarigen Kadaver über die Schwelle geschleppt hatte. Nein, keine Polizei. Die hätten das tote Tier vielleicht beschlagnahmt. Zwei junge Verkäufer hoben den Hund in einen geräumigen Karton, eine Originalverpackung eines Farbfernsehers, und stellten das Paket auf einen Ziehkarren.
Noch konnte das Ehepaar seiner Trauer keinen freien Lauf lassen. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung waren sie aber ganz abwesend, auch beanspruchte der Transport ihre Kräfte. Langsam, wie in Trance bogen sie um Ecken, überquerten Straßen, die ihnen nichts sagten. Sie überhörten fast, dass sich ein junges Päärchen mit einem weinenden Kind aus einer momentanen Verlegenheit heraus an sie wandte. Die jungen Eltern baten, ihnen doch diesen Schein zu wechseln, ihre Tochter wolle unbedingt das versprochene Eis und der Eismann hätte gerade erst sein Geschäft geöffnet, könne nicht wechseln. Endlich begriffen die Alten, setzten das Wägelchen ab und suchten in ihren Geldbörsen Kleingeld zusammen. Das Suchen tat ihnen irgendwie gut. Ich habe über zehn Mark in Münzen, sagte die Frau. Ich mindestens doppelt soviel und auch kleine Scheine, trumpfte der Mann auf. Eifrig steckten sie die Köpfe zusammen. Danach wussten die beiden nicht mehr, ob es zum Geldaustausch gekommen war.
Als sie sich umsahen, war der schwere Karton samt Wägelchen verschwunden. Es gab kein junges Ehepaar mehr und kein Kind, das man mit einem Eis hätte glücklich machen können.
Als die Diebe später den Karton öffneten, muss das Kind aufgeschrien haben. Der tote Hund ersetzte ihm nicht das Eis, das ihm versprochen worden war.

© Christa Estenfeld 2001/2002