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Christa Estenfeld · Texte und Bilder


« Das Zimmer bebte leise, die Bilder…klirrten »

(Bruno Schulz)





Meine Bücher
Ihr Freunde
 mit schmal gedrücktem Rücken
 und bunter Haut,
 so gegenständlich
 in dauerndem Gegeneinander,
 beengt und aufrecht,
 unausgesetzter Appell.
 Oder lastend
 als Bausteine
 bis unter den Himmel,
 wispernd in vielen Zungen,
 in ständiger Diskussion,
 heiserer Stimmlage,
 schräger Position,
 von Hieben gespaltener Toleranz
 und unüberhörbarem Einverständnis
 nickt ihr mir zu.

 

Mein Kirschgarten

Mein Kirschgarten
Bemerkung zur Entstehung meiner Texte

Aus geschlagenem Holz, das ich zuerst für Rebstöcke hielt, waren auf freiem Feld drei Hügel aufgerichtet. Das Holz schien verkohlt, man musste den Brand aber gelöscht haben, bevor er die gewundenen Stämmchen, die zerrauften Köpfe und Wurzeln wirklich hatte packen können. Nebliger Herbst drückte auf die Felder. Vielleicht hatte auch diese Nässe, der tagelange Regen die Hügel so schwarz gemacht. Die Holzkrüppel lagen wahllos zusammen geworfen. Doch die kurzen, steifen Äste griffen ineinander, hielten sich, stapelten sich über zwei Meter hoch und bildeten so drei finstere Monumente. Sie lagen auf dem Boden zusammen, in dem sie einmal verwurzelt gewesen waren und der geräumte Acker wies hinter ihnen wie ein brauner Finger in Richtung Rhein.
In den Vertiefungen der Bauten zerfiel bereits Rinde und Laub. Fäulnis, und grünliches Moos wuchs in den Höhlungen. Wo Äste und Wurzeln sich nicht erreichten, sondern ins Leere griffen, gab es löchrige Stellen und es war, als ob die Hohlräume auf etwas, auf jemanden warteten, der vorüberging. Als ich näher kam, stob ein Schwarm Vögel aus dem Bau, der mir am nächsten war. Ihr Schwatzen schien in der Luft zu bleiben, während sie sich wieder in die Höhlungen senkten und in dunklerem Ton weiter tuschelten. Hier hatten sie offensichtlich Wohnungen gefunden.
Den Rhein hinauf und hinunter reichen in dieser Gegend kilometerweit Kirschgärten. Es sind Pflanzen einer niedrigen Sorte, manchmal biegen und wenden sie sich beim Wachsen und wenn sie verkahlen, stellen sie für den, der es sieht, Märchenfiguren oder kleinwüchsige Sonderlinge dar. Das gefärbte Laub hing aber noch in den Zweigen und auf meinem Weg an ihnen vorbei muss ich die Bäume für Sträucher gehalten haben. Ich kenne mich nicht gut mit Bäumen aus. Mit Kirschbäumen rechne ich im Juni, die Früchte liebe ich.
Mir fiel auf, dass einige Reihen gar nicht abgeerntet waren. Sie trugen noch Kirschen, jedoch völlig vertrocknete. Die meisten Blätter waren hier abgefallen, starr spreizten sich Stielbündel von den Zweigen, die in nackten Kernen endeten. Diese schwarzen Kirschkerne im kahlen Geäst erinnerten an Miniaturen mittelalterlicher Waffen. Doch Waffen, das war nicht richtig. Die stacheligen Auswüchse ähnelten kleinen Antennen der Erinnerung, Erinnerung an das rote Fleisch, das einmal hier gewesen war. Warum hatte man die Kirschen, als sie reif waren, nicht wie die andern geerntet? Etwas hatte nicht mit ihnen gestimmt. Schädlinge mussten ihnen zugesetzt haben, doch die Bauern hofften, dass diese Bäume im nächsten Jahr die Seuche besiegen würden. Man kannte Mittel, sie zu behandeln.
Ich stand vor den Hügelbauten, mit ihrem Vogelwispern, ihrem höchst komplizierten Aufbau, der jeder Architektur spottete, weil hier die Gesetze des Zufalls regiert und etwas anarchisch Unberechenbares geschaffen hatten. Sie behaupteten sich, diese schwarzen Gebilde, Stürme würden sie nicht so leicht einreißen. Ich konnte nicht so einfach an ihnen vorbeigehen.
Ich stand vor der Frage, wie die Sache, die mich beeindruckte, zu nehmen war. Sie forderte Anteilnahme. Alle Dinge, die uns begegnen, fordern Anteilnahme.
Eine Möglichkeit war, die Bauten zu zeichnen, am besten mit Kohle auf großen Bögen. Robuste Balkenstriche übereinander, kreuz und quer, dann ein Geschummer und Gekratze, dass dichte Höhlen entstanden, und schließlich ein Gefieder spitzer, kurzer Haken, die von den versteckten Vögeln sprachen und an der Silhouette, im harten Kontrast zum weißen Grund, Ästchen darstellten, die ungeschützt in den Himmel stießen.
Ich ahnte, trotz aller Bemühung würde ich diese Hügel nicht wirklich fassen können. Ich würde sie nur nach erlernten Gesetzen umstapeln und ihnen ein Geheimnis entreißen, das gar nicht das ihre war. Auch wenn ich raffinierter zuwege ging, wenn ich meine Zeichenkohle zerbrach und sie zusammen mit verkohlten Holzstückchen, die ich sammelte, zu diesen Gebilden gleichenden Pyramiden aufschichtete, sie mit Rheinwasser und Erde verklebte, wäre nur eine vage Parallele da. Etwas anderes, als das was ich wollte, würde entstehen. Etwas hinderte mich, der Forderung der Sache so zu entsprechen.
Was wollte sie, was wollte ich? Ich wusste es eine ganze Zeit nicht: Der Gegenstand und die bezeichneten Blätter mussten zum Selben werden. Ich musste eine Möglichkeit finden, dass die Dinge sich bewegten und auf meine Seite sprangen. Sie mussten Vertrauen schöpfen und mir mit ihren Worten von sich berichten. Ich wollte Zuhören lernen.
Ein guter Zuhörer darf sich nicht ablenken lassen, er muss sich konzentrieren, darf später, wenn er das Gehörte wiedergibt, nichts Unpassendes dazu erfinden, aber auch nichts weglassen, was mit dem Kern der Geschichte zu tun hat. Die Sprache, in der der Gegenstand spricht, ist selbstverständlich die des Gegenstands, aber meine zugleich. Ich erkenne sie sofort wieder, die Sache, um die es geht. Sie wird zu meiner, auch die Wörter, wenn ich sie höre und wiedergebe, sind meine. Ich habe keine Wahl: Diese Farbe und diese Biegung in der Form ist die Richtige. Ich gehe den Wurzeln und den Verästelungen nach, die die Sache mir zeigt. Unordentlich laufen meine Gedanken. Ich kann sie nicht reglementieren, also räume ich ihnen Freiheit ein. An irgendeiner Stelle zerbreche ich das Gebilde, erforsche es, so gut ich kann. Bei allem, was ich tue, möchte ich der Sache, die ich untersuche, ihre Rätselhaftigkeit lassen. Ich sehe das Bild auf der nackten Erde, in der Stube oder auf der Ladefläche eines Lastwagens.
Erzählte und gemalte Bilder, sie können sich laut bemerkbar machen oder wahnsinnig still sein. Seit einiger Zeit fasse ich den Anblick in Worte.
Ich weiß nicht, ob ich gewonnen habe, als ich mich zu den Wörtern schlug, doch ich bin glücklich mit ihnen, wie mit nichts sonst. Wenn ich gefragt werde, warum ich nicht bei meinem Leisten, den Bildern, geblieben bin, schmerzt es, und ein wenig Heimweh kommt auf. Ich habe herumgeredet und es fiel wohl der Satz, dass es mir und der Sache, die Anteilnahme fordert, einfach nicht gereicht habe. Das hat nichts mit Anmaßung zu tun, wird aber von einigen so empfunden. Oder man fasst mein Tun als eine Art Ausweg auf. Einmal rief man mir zu: Nicht wahr, Schreiben ist leichter als Zeichnen. Das traf. Man fragt, welche Thematik ich behandle. Und wenn ich antworte, dass ich über Gott und die Welt schreibe, nimmt man es als Ironie, nicht als das schamhafte Ausweichen, das es bedeutet. Deshalb, wegen solcher Vorkommnisse, habe ich mir über mein Tun Gedanken gemacht, deshalb diese Bemerkung.
Malerei und Zeichnung hält sich meist vom geschriebenen Wort fern. Und der geschriebene Text fürchtet in gewisser Weise die Bilder. In Büchern für Erwachsene vermeidet man die Konfrontation mit dem „anderen Medium“. Das ist schade. Nur manchmal umkreisen sie sich und ich denke, es wäre schön, ein Bild zwischen Buchseiten zu entdecken, von denen das Auge angehalten wird, bevor es wieder in den Text steigt. Ein zusätzliches Spiel der Kontraste könnte entstehen.
Am Ende denke ich, dass jene Frau, die vermutete, dass ich im Schreiben die leichtere Partei gewählt habe, recht hatte. Ich habe sie nur falsch verstanden. Tatsächlich fühle ich mich leichter, wenn ich schreibe. Dieses Medium ist mir deshalb so lieb, weil darin die Bilder meines Kopfes weitgehend transparent enthalten sind. Manchmal noch sehe ich mich zeichnend am Tisch sitzen oder vor der Wand mit dem großen Format stehen. Welch völlig andere Körperhaltung, welch ein nicht vergleichbares Herangehen an die Sache. So viele Bilder sind damals aufgestiegen. Und doch wende ich mich ab. Wenn ich die standartisierten Tasten berühre, bin ich glücklich. Jeder sollte einmal so ein Glück empfinden.
Die schwarzen Zeichen, die ich in einfachen Bewegungen eintippe, markieren den Abschied von Objekten, die in Ausstellungen leuchten könnten. Die Bilder des Textes beschwören einen Abschied, der sich immer wieder frisch, voll süßer Trauer meldet.
Über dem Fluss der Erzählung stellt sich die Frage nach der Struktur. Die Frage ist berechtigt. Die Struktur wächst aber fast ohne Zutun, die Geschichte lässt immer nur einen Ausweg zu. Der Erzähler jongliert, bis der Bau sich hält. Wie stellt sich die Progression der Handlung dar, gibt es Rhythmen, denen man vertrauen kann? Wenn sich Worte querstellen, stockt der Erzählfluss. Manchmal muss es so sein. Und einzelne Wörter treten hervor. Ich frage mich, was Wachs mit wachsen zu tun hat. Plötzlich können Buchstabenfolgen zum Skelett des Textes werden, sie dringen an die Oberfläche, schmücken ihn. In Einzelwörtern und ihrer Verkettung manifestiert sich die Magie von Geschriebenem vielleicht am stärksten.
Ich frage mich, warum manche Motive, die mich aus gegensätzlichen Zimmerecken anblicken, sich in ihrer Verschiedenheit als Brüder gebärden, die in einem Bett schlafen wollen. Manche Leute stoßen sich daran, dass ich den Brüdern dieses Bett bereite und sie darin spielen lasse. Die Kritiker betrachten das als etwas Unzulässiges, vor allem Anstrengendes. Mich freut aber das freie Gerede der Brüder im gemeinsamen Bett der Geschichte, auch wenn sie sich streiten. Alle haben etwas zur Sache zu sagen.
Der eine Bruder könnte so beginnen:
Von der Wohnung des alten Lehrers, der mir Nachhilfestunden gibt, geht es viele Stockwerke in einen Hinterhof hinab. Der Alte lässt mich manchmal warten, dann raucht er im Nebenzimmer Zigarre und ich schaue aus dem Fenster. Im Hof unten spielen selten Kinder, obwohl alles da ist, was man zum Spielen braucht: Hohe Mauern in der Farbe von Fledermäusen, mit Rissen. Ein Boden, halb gepflastert, halb mit Zement begossen, da muss man beim Bekritzeln nicht so pingelig sein. Man muss nicht alles fertig zeichnen, Andeutungen genügen und Fehler fallen nicht auf. An einem der staubigen Kellerfenster lehnt ein Fahrrad. Manchmal liegt es umgekippt am Boden. Es gibt eine Teppichstange zum Turnen und einen Gulli, um alles mögliche hinein zu werfen. Man kann schreien, solange man will, keiner der Mieter ringsum öffnet so schnell sein Fenster. Doch ich höre die Kinder im Hof nicht schreien. Es sind immer nur drei und sie spielen leise. Eine Baracke steht im Schatten des Hinterhauses. „Freibank“ steht in Dunkelblau an diesem Hinterhaus. In der Baracke wird manchmal ein Tier geschlachtet. Man hört nie etwas, höchstens wenn etwas schwer zu Boden fällt. Auf dem Pflaster und dem Zement im Hof sieht man vielleicht Spritzer und Spuren in Rot, Abdrücke von Schuhen, Teile von Sohlenmustern. Einmal flatterte ein Huhn aus der Baracke, einmal sah ich den geringelten Schwanz eines Schweins, den der Regen an den Gullirand gespült hat, wo er liegen blieb, weil er zu dick war. Er passte einfach nicht durch die Ritzen. Das Fleisch wird im Hinterhaus verkauft. Es ist viel billiger, als das, was man sonst bekommt. Mein Nachhilfelehrer bleibt auch manchmal am Fenster stehen und sagt, also bitte, heute schlachten sie wieder, schwarz, wie schon vor hundert Jahren. Ganz Chicago war damals ein Schlachthof. Dann dreht er sich zu mir um, und stellt mir eine Textaufgabe. Die läuft auf eine Gleichung hinaus, die soll ich herausbekommen.
Ach, ruft der zweite der Brüder. Stellt euch vor:
Im Fernsehen habe ich einen Bericht über einen Film gesehen, der in Afghanistan gedreht wurde. Schauspieler haben nicht mitgespielt, sondern Leute, die der Regisseur sich zusammen suchte. Der Film hieß „Osama“, obwohl der Terrorist Osama nicht mitspielte, er kam gar nicht vor. Ein Reporter interviewte ein Mädchen, das auf einem Teppich saß und dauernd lachte. Das Mädchen spielte eine Hauptrolle im Film. Immer wieder rief es, vielleicht darf ich noch einmal in einem Film mitspielen. Hübsch genug war es. Seine Finger umklammerten eine Münzenkette, die es um den Hals trug.
Dann sah man, wie der Reporter über eine gelbe, staubige Straße ging, an der es keine Häuser mehr gab. Man sah nur eine zerbröckelte Wand, die hatten die Leute vom Film stehen lassen. Vor dem leeren, blauen Himmel stand ein gelbroter Kiosk auf Rollen, eine Art winziger Zigeunerwagen mit einem Klappfenster.
Der Reporter klopfte an die Tür des Kiosk und nach einer Weile kam ein alter Mann mit Bart die Stiege herunter. Es war ihm unangenehm, dass er sich zeigen sollte. Auch der Alte wurde wie das Mädchen interviewt, er starrte aber die ganze Zeit den Boden an und sagte wenig. Der Reporter musste für ihn erklären und reden. Im Film hatte der Alte den Bösewicht gegeben, für zwei vollgepackte Plastiktüten und diesen Kiosk. Er soll sehr gut gewesen sein in seiner Rolle, er hatte die Hauptrolle neben dem jungen Mädchen. Im Film hat sich das Mädchen als Junge ausgegeben, wegen der vielen Vergewaltigungen, die im Krieg in Afghanistan passiert sind. Nur als Junge hat es überleben können. Der Alte heiratete das Mädchen später, so war die Story. Ich glaube nicht, dass ich mir den Streifen ansehen werde, der Alte tut mir zu leid. In seiner Rolle hat er viel geleistet, doch die Rolle war undankbar. Der Alte blickte finster. Im Grunde hat er nichts von seiner Schauspielerei gehabt. Der Kiosk, den man ihm schenkte, ist schäbig. Kaum einer kauft bei ihm, in Kabul, Afghanistan, wo er sein Leben fristet.
Ich möchte liebend gern Regisseur werden, sagt der dritte Bruder. Hört mal, was ich denke:
Regisseure oder Reporter sind fast größere Stars als Schauspieler. Die regieren, die haben die ganze Sache in der Hand. Sie haben die Macht, aus einem Verbrecher einen Prominenten zu machen und dem Opfer die Schuld an seinem verpfuschten Leben in die Schuhe zu schieben. In ihren Filmen stellen sie es so dar, dass jeder glaubt, was sie wollen. Und dann zeigen sie in einem Bericht, wie raffiniert sie das alles fertig gebracht haben, sie drehen alles wie einen Handschuh, das ist die Kunst. Sie lassen das Opfer groß rauskommen und den Schurken ertrinken. Die Regisseure sagen: schaut her, das ist das Leben.
Die Brüder schweigen. Ich hätte ihnen noch länger zuhören können. Jeder hat etwas anderes für sich gesehen, platzt damit heraus und reagiert doch auf das, was er vom anderen gehört hat. Auf einmal blitzt es in diesem Kreisspiel auf wie Ursache und Wirkung oder besser wie Wenn und Aber. Wenn etwas geschieht, und baut es sich noch so gewichtig vor uns auf, geschieht immer etwas anderes daneben und man kommt unweigerlich ins Grübeln, welches Ereignis das wichtigere ist.
Die drei Brüder richten sich in ihrem Bett auf und schauen mich an.
Da sage ich: Erinnert ihr euch noch an die schwarzen Holzhaufen im Kirschgarten? Ich sah, dieses Krüppelholz war zu alt, um den Bauern noch Erträge zu bringen. Bei einem Fest im Dezenber auf offenem Feld wird es aufflammen und zu Rauch werden. Hinter den Regenvorhängen schwelt immer ein Feuer. Es beseitigt das Ausgemusterte und schafft Platz. Es frisst mit Genuss, manchmal riecht es gut und leuchtet weit.
Ein Mann auf einem Fahrad kommt den Weg heran. Auch ihm fallen die schwarzen Haufen auf. Er bleibt stehen und fragt mich wie er mit dem Fahrrad nach Bingen kommt. Während ich ihm den Weg beschreibe, immer geradeaus, rechterhand wäre die Brücke, er solle nur den vorspringenden Rochusberg anvisieren, das wäre die Richtung, klärt sich das Bild und die zu erzählende Geschichte.

(Oktober 2004, kurz nach der Erzählung „Hanna“ notiert)


Christa Estenfeld


Kurzbio/bibliografie

Christa Estenfeld
1947 in Mainz geboren
Studium Grafik-Design und Bildende Kunst ebenda
Einzel- und Gruppenausstellungen mit Malerei, Grafik, Zeichnung und Plastik
1979-2007 Lehrtätigkeit (Ostr’) Bildende Kunst am Lina-Hilger-Gymnasium, Bad Kreuznach
Illustration, Buch- und Plakat-Gestaltung für Schott Music
und das Mainzer-Forum Theater unterhaus u.a.
Mitarbeit am Galerie-, Editions- und Zine-Projekt «artfusion»
Beginn des Schreibens: Mitte der 80er Jahre
Veröffentlichungen:
«In Augenhöhe», Gedichte und Bilder, edition artfusion,1987
«Die Menschenfresserin», Erzählungen, Haffmans Verlag, Zürich,1999
Zwei Erzählungen in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2000
Erzählungen und Romanauszüge in «Der Rabe 55-62», Haffmans Verlag, Zürich
«Schreizeichen», Märchen vom internen Tal, edition artfusion, 2001
Erzählungen in «Heyne Sommerlesebuch», 2000 und 2005
Romanauszug «Elektrische Schatten» in Jahrbuch für Literatur 10, Brandes und Apsel, 2003
Zwei Erzählungen in edition Schrittmacher, Rhein-Mosel-Verlag, 2004
«Buffallo Bills Sattel», Erzählungen, edition artfusion, 2005
Beitrag zum Tagebuchprojekt „Die Identitäten des März“, Hrsg. Heinz G.Hahs, Rhein-Mosel-Verlag, 2006
«Undines Zimmer» in Erzählungen aus Rheinland-Pfalz, Iatros Verlag, 2006
«Der Wunsch in allem», Erzählungen, Iatros Verlag, 2007
«Synchronisierte Hexen», in Anthologie «Iwwer Grenzen», binsfeld communication
(Luxemburg-Kulturhauptstadt, 2007)
«Elektrische Schatten», Roman, VAT Verlag, 2010
Förderungen und Preise:
Bremer Förderpreis 2000 Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung für «Die Menschenfresserin»
Sonderpreis der Jury zum Buch des Jahres 2006 Rlp für «Buffalo Bills Sattel»
Sommerseminar Rendsburg, 2000
Lesung Literaturhaus Hamburg, 2001
Lesung und Gespräch mit Wilhelm Genazino, Haus-Kranichstein, Darmstadt, 2001
Lesung im Kabarettarchiv Mainz aus «Tabeas Haar», 2012

 

Blog

Buffalo Bill’s Sattel

Sonderpreis der Jury Buch des Jahres 2005 RLP, verliehen am 20. 08. 2006 aus der Begründung der Jury: „Christa Estenfelds Erzählungen ist eine beinahe magische Anziehungskraft eigen. Die Sprache ist schlicht, fast kark, ohne Floskeln und gefällige Übergänge. Sehr sinnennah und präzise werden so ungewöhnliche, atmosphäörisch dichte Bilder heraufbeschworen, durch die die Wirklichkeit mehrdimensional erscheint. …

Bildbeschreibung

Malerei

© Christa Estenfeld: „Doppelfigur 1“
Acryl auf Leinwand, 110 cm x 180 cm, 1990
© Christa Estenfeld: „Doppelfigur 2“
Acryl auf Leinwand, 110 cm x 180 cm, 1990
© Christa Estenfeld: „Doppelfigur 3“
Acryl auf Leinwand, 110 cm x 180 cm, 1990


Drei Mal Pygmalion. Der Macher nimmt sein Geschöpf auf den Schoß, weil er es liebt. Das Blumenkind entsteigt ihm hell. Es müsste sich entfernen, bleibt aber nah. Da liegt die Schöpferin ihm zu Füßen und das Erweckte kann nicht anders, als, getrennt von ihr, auf sie zurück zu weisen. Dabei schrumpft es, dunkelt rasch nach. Schon erreicht es Ebenholzqualität. Das Licht fällt von ihm ab. Ungläubig stiert es in die Welt. Wollte der Macher, die Schöpferin ihr Geschöpf so einsam, so ausgesetzt? Niemand versprach dem Erschaffenen, dass ihm Befreiung blühe. Es werde nur etwas aus ihm, sagte man. Wieso kam es auf die Idee, dass es ein besseres Los gezogen habe, als sein Erzeuger?

Zeichnung

© Christa Estenfeld: aus der Serie „Kleistfiguren“, 1986
(Aquarell und Farbstift)


Liebe Frau, schau nicht so bang! Es wächst dir Kraft zu, wenn du dich mit dir selbst bekannt machst. Wirst nicht den Antichrist gebären und ein Erlöser muss es nicht sein. Vor Schmerzen hast du keine Angst. Auf deine Güter zurückgezogen, wird dir und dem Kleinen wohl. Den ganzen Winter brennen Feuer und im Herbst ist der Fluss noch warm. Einige Male versuchst du den Vater des Kindes zu erinnern. Das scheint dir bald aussichtslos. Mutter, wie weit darf ich reisen, wird es einmal an deinem Ohr fragen. Wenn du mich ziehn lässt, vielleicht bringe ich dir deinen Herzallerliebsten, von dem du nie redest.

© Christa Estenfeld: aus der Serie „Kleistfiguren“, 1986
(Aquarell und Farbstift)


Sie wollen dich wecken, obwohl dein Anblick im grünen Gras sie rührt. Schlafende Hunde soll man nicht wecken. Mit Prinzen, glauben sie, kann man es machen.
Du hast geträumt, sagen sie. Na und?
Ihr Schlafwandler! Das ganze menschliche Geschlecht verschläft doch ohne Gewissensbisse die Hälfte seiner Lebenszeit. Gibt vor, müde zu sein, gibt vor, Regeneration zu betreiben. Und drängt ab, was das Bewusstsein überschwemmte.
Schaut euch das ewig tanzende, ringende Meer an oder den Sand, den es zum Bau immer neuer, anders geformter Dünen treibt. Da ist kein Schlaf, nur ein bewusstloses Festhalten an der Evolution. Seht mal die Bäume, wie sie sich am einmal verwurzelten Ort einrichten. Sie umkrallen Steine, kämpfen sich am Geröllabhang langsam, durch viele verkrüppelte Stadien in die vertikale Position. Trotzen dem Sturm, der sie ihr Leben lang zauseln wird, bis er sie schließlich aus dem bißchen Boden reißt, den sie zusammengerafft haben.
Wenn der Sturm einmal nachlässt, flüstern die Bäume, dass das Leben an ihrem Ort veränderlich und interessant genug ist, dass sie nicht über ihren Berghang hinaus noch Schritte tun müssen. Und dass das Leben ein Traum ist. Nacht und Tag, die gleiche Arbeit, die gleiche Wirklichkeit.

© Christa Estenfeld: aus der Serie „Tiermenschen / Menschentiere“, 1987
(Aquarell und Farbstift)


Ich bin das Pelztier, das dir den Platz frei hält.
Mit Hasenohren lausche ich dem Konzert.
Die Grillen des Haushalts veranstalten manchen Schabernak, wenn du nicht da bist.
Auch die Uhren gehen so laut. Wo nur treibst du dich all die Zeit herum?
Suchen werde ich dich nicht, denn ich hab mir die Trägheit angefressen.
Ich verschlucke die Knöpfe im Polster, um dir ein wenig Wachsamkeit abzunötigen.

© Christa Estenfeld: aus der Serie „Tiermenschen / Menschentiere“, 1987
(Aquarell und Farbstift)


Pferd und Reiter, ein altes Motiv. Sausend in die Länge gezogen. Glänzender Brauner, dir sitzt dein Herr voll Lust im Nacken. Wildes Pferdchen, gibt gern seine Mähne zum Halt. Dafür zischt der Getragene Geschichten der Wüste ins gerollte Ohr, dass der Braune vor Freude laut wiehert. Sie kämpfen sich weiter, die Ansässigen schauen ihnen ungläubig nach. Der Hengst hält nur an bei der Stute, die ihn sofort empfängt.
Er weiß um den Atftrag. Der flüchtige Schatten des Reiterbildes muss alle Orte der Erde bestreichen.
Die Kartografien der Länder bilden sich ab auf Pferd und Reiter. Vieles ritzt sich ich ein. Was wissen sie voneinander? Deine Mähne ist schwärzer als meine, weiß das Tier. Und Krallen hast du statt Hufen an den Vorderbeinen. Du sitzt mir auf, doch dein Blick wird nicht weiter reichen als meiner. Fast sind wir eins geworden, über die Zeit, die wir schon zusammen sind. Ich kann mir mein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen, singt der dahin fliegende Kamerad und wirft seinen Mantel ab, der ihn schon lange behindert.

Plastik

© Christa Estenfeld

Steht mir gegenüber. Hohlräume, sonst nichts in der Puppe. Außen die Schwellung des Fleisches, Erde, gebrannt. Steht, schaut durch geformte Augen. Birgt ein Böckchen in der Außentasche. Braver Schutzengel. Niemand da, außer diesem Ponykind. Es grüßt uns ernst, wird weiter stehen.

© Christa Estenfeld

Hats vielleicht nicht mehr ausgehalten. Da kam ihr der Karton gelegen. Augen zu und die Füße besser über Kreuz. Kann an den Fingern abzählen, was noch zählt in der Welt der Lehmgestalten. Millionen vor uns, sind dahingegangen. Der rote Leib ist allem blind ausgeliefert, also schone ihn. Das einmal Gebrannte widersteht beim Fallen kein zweites Mal.

© Christa Estenfeld

Ich zeige dir meine Haut. Noch trage ich sie. Betrachte die Zeichen. Ich stehe gerade für alles, was du liest, auf Proklamationen an Palastmauern wie Toilettenwänden. Soll ich die Woodoopuppe sein, so traktiere mich. Willst du mich in den Arm nehmen, bin ich dein leises, entschärft exotisches Kind.