Zirkus Zikulär 2021


Aus Kapitel 3
Bob, der Clown, hatte vor, Flower ein Gedichtchen rund um den Buchstaben Z aufsagen zu lassen. Doch seine Partnerin brachte, trotz aller Mühe, nur ein schluriges Ächzen zustande, und so würde er es vielleicht selbst zu Gehör bringen, wenn ihm danach war.
Zar zwingt zwei Zwergpudel zur Zusammenarbeit Zierliche Zedern zwitschern am Zaun
Zynthia zaudert doch Zahn um Zahn zaubert sie sichaus der Zelle
Zeile um Zeilezieht sie zitternd Zeppeline ins Zalando zappelt zur Zysterne
Zaghafte Zynthia zaudere nicht Am Zielzitieren wir zwei frühere Zeiten
Während er es nun probeweise leise aufsagte, kämmte er der Äffin das Haar, das in Borsten über der Stirn nach oben stand. Es knisterte, lud sich elektrisch auf, doch er fuhr mit der Bürste weiter hindurch und versuchte es zu glätten. Da schüttelte sich Flower und zog eine Grimasse, als schmecke sie Ekelhaftes auf der Zunge. Als Bob seine Hand zurückziehen wollte, begann sie an seinem Handgelenk zu lecken, das ihr an diesem Tag überaus bleich vorkam und nicht zum Ärmel seines königsblauen Jacketts passen wollte. Der Clown trug diese Jacke, weil er bei seinem ersten Besuch im Theater, in dem nun Auftritte vorgesehen waren, ein ähnliches Blau wahrgenommen hatte. Aufmerksam hatte er sich den vernachlässigten Raum angeschaut und auf jedes Knarren in den hölzernen, mit dem Boden verschraubten Sitzreihen gelauscht. Feuchtigkeit hatte die Samtbespannung der Wände aufquellen lassen, die gestickten silbernen Schneckenornamente mit den blauen Einschlüssen waren aber noch deutlich zu erkennen. Bob empfand das Blau im Silber wie ein Augenaufschlagen. In den vielen Jahren, in denen diese Räumlichkeit nicht mehr genutzt und angesehen worden war, kämpfte hier alles gegen das Vergessen Werden.Am Abend der ersten Vorstellung hatte jeder Artist andere Bedenken. Ines fragte sich sogar, ob man vor leerem Haus auftreten würde. Doch der Saal füllte sich von einer zur anderen Minute. Polo, der Impressario, konnte es kaum glauben, als er die Gestalten erscheinen sah. Sie schlurften in die knarrenden Sesselreihen, und als sie niedersanken, verschmolzen ihre blassen Gesichter mit den fleckigen Polstern.
Die Gesellschaft schien Polo vergreist, doch voller Erwartung. Er roch etwas Süßliches, das sich in den Minuten vor Beginn im Raum verbreitete, etwas das ihn an Jasmin oder Rosenduft erinnerte. Den anwesenden älteren Frauen traute er nicht zu, dass sie sich der- maßen parfümiert hatten, der Duft wurde immer intensiver. Er dachte, dass es seine Sehnsucht nach dem Aufblühen der Show, dem glücklichen Gelingen war, die das herein Getragene verstärkte. Dompteure und Akrobaten nahmen den Duft jedoch anders wahr, Gorgo sagte: “Riechst du, wie ausgehungert diese Leute sind?”
Als der Vorhang auseinander schlug, fehlte ihm jede Eleganz.Ja, wahrscheinlich hatte man zu lange gewartet, und das Publikum seufzte, als wäre es unsanft geweckt worden. Es war zu viel geschehen, täglich rechnete man mit Schlimmerem. Was einem einmal gehört hatte und lieb gewesen war, hatte man durch diese Infektion, diesen allgemeinen Aufruhr, der sich rasend ausbreitete, verschwinden sehen. Polo hatte den Sturz der Stadt erlebt, in der er gelebt hatte. Alles schlug um sich, keiner hatte versucht, dies zu verhindern, und gewissenlose Kräfte hatten das Niedergefallene an sich gerissen. Sie waren aus dem Bodenlosen geschossen und hatten es zertreten.Polo stand in den Kulissen, als die Vorstellung begann. Der Truppe war keine Unsicherheit anzumerken. Bobs Allüren fand er großartiger denn je. “Was dieser Kerl heute für eine Fratze zustande gebracht hat – zum Totlachen”, wisperte Mädel Polo zu. Flower und ihr Partner nickten sich beim gemeinsamen Abgang einvernehmlich zu. Beim Balancieren über den Spazierstock hatte die Äffin besser denn je ausgesehen, hatte sich für zwei, drei Minuten beinahe schwerelos gefühlt, als sie Unsinn grölend auf den Clown zu getrippelt war und am Ende mit ihm getanzt hatte.Georgetta, die Biegsame und Mädels Trapézkünste waren wie meist atemberaubend. Mit fünfzehn/sechzehn hatte Mädel drei Beinbrüche zu verschmerzen gehabt, doch keine Ruhe gegeben, und alle ärztlichen Vorbehalte in den Wind geschlagen. Immer wollte sie noch höher hinauf, einmal sogar auf einem schrägen Seil bis zum Kirchturm. Willst du nicht lieber Sängerin werden, fragte man sie mehrfach, du hast doch eine so schöne Stimme. Da hungerte sie, bis ihr Brustumfang schrumpfte und sie das Volumen für eine Singstimme verlor. Sie hatte bei einer Tänzerin Stunden genommen. War nicht davon abzubringen gewesen, bis sie die Ballettschritte beherrschte, die als Akrobatin auf dem Seil nötig waren. Ich habe die Kontrolle, verkündete sie. Ihr damaliges Umfeld hatte noch zu bedenken gegeben: Und wenn du schlafwandelst, was dann? Nun, sie hatte sich das Schlafwandeln ein für allemal verboten.Ovationen hörte man an diesem ersten Abend nicht, das Publikum schien dazu nicht in der Lage. Viel zu betäubt, vielleicht überwältigt starrte man. In der samtigen Wandverkleidung, die die schwachen Ahs und Ohs schluckte, schien das Geschehen auf der Bühne aber nachzubeben. Diese Regung war kaum wahrnehmbar, doch die Artisten brauchten ein Echo, wollten Antworten auf ihre Leistung, die eigenen Empfindungen, die sie durchströmten.Als das Saallicht aufflammte, schien sich jede Anspannung zu lösen, endlich sah man erstarrte Hände applaudieren. Während gerötete Köpfe sich aus den Sesseln hoben, als der Raum sich leerte, blieb etwas in ihm zurück. Kristalle, aufgestauter Staub, tanzte und stand dann wie ein glitzernder Vorhang in der Luft.
Ein Gefühl vorsichtiger Zufriedenheit begleitete Polo hinaus. Die Lichter hinter ihm erloschen schnell, sodass sich einige Akteure im Dunkel von der Garderobe hinüber ins Hotel tasten mussten. Körper und Gehirn konnten noch nicht loslassen, mit allen Fasern hatte man zum Publikum gesprochen. Die Augenblicke des sich Verschenkens gingen meist rasch vorüber, was aber gewesen war, klang noch nach. Wie so oft musste man es abschütteln, musste reden, ein Glas trinken, sonst geriet man in einen Zustand, in dem sich das Durchlebte in Endlosschleife wiederholte.
In den kommenden Tagen fanden vier Aufführungen statt. Einige Unsauberkeiten in der Ausführung nahm man hin, ohne dass darüber geredet wurde. Man wusste, wie Perfektion zu erreichen war.Im miserabel beleuchteten Flur des Hotels, von dem es in winklige Zimmer ging, trieb es die Zirkusleute zueinander. Plötzlich hockten welche zusammen, die sich in letzter Zeit kaum noch etwas zu sagen gehabt hatten. Türen wurden aufgerissen und geschlossen, Ideen, Fragen und Antworten schwirrten umher. Polo hörte den Satz: “Dieses Theater ist nicht der richtige Raum. Er hat keine Akustik, ich spüre kaum Resonanz.”
Bikel verließ eines Abends als letzter den Ort. Da fiel sein Blick auf die Gestalt eines Zuschauers, der, über zwei Sessel gekrümmt, anscheinend schlief. War er verletzt? Der Mann fuhr zusammen, als Bikel sein Knie berührte und versuchte sich langsam aufzurichten. Kraftlos schlenkerten seine Arme. Bikel roch den Alkohol.
Plötzlich glaubte er, Enzo vor sich zu haben. Hatte der Betrüger, ohne dass jemand davon wusste, es hierher geschafft? Es war nicht Enzo. Der Mann begann sich zum Ausgang zu schleppen, war noch nicht wirklich zu sich gekommen. Misstrauisch lugte er über die Schulter, blieb stehen und stieß Fremdländisches aus. Bikel verstand: “Warum hast du Jason gestern abstürzen lassen wollen? Hat er dir was getan? Ich sag dir eins, der ist im Gegensatz zu dir ein wahrer Künstler. Hat heute eine Topvorstellung abgeliefert.”
Bikel staunte mit offenem Mund. Was nahm sich der Kerl heraus? Er hätte ihn gerne auf die Straße gestoßen, doch da standen Bob und Sally. Wenn es in dieser Stadt solche unverschämten Typen gab, solche Intriganten, waren die Hindernisse, die man spürte, nur zu verständlich.
Sally ging vieles durch den Kopf, wenn sie in den finsteren Raum schaute, der über so vieles schwieg. Hier und da erreichte sie doch ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Etwas aus den Wänden wollte ihr zureden. Sally roch den Schweiß der Kollegen, sah die Vorhänge aus Staub. Manchmal drohte er die Auftretenden zu ersticken.
Die Kollegen wunderten sich über den Erfolg, den Enzos Puppenbühne verbuchen konnte. Sally hatte die Bühne von Enzo übernommen. Dieses Sondertheater inmitten der anderen Nimmern sprach ein breites Publikum an, denn es tauchten darin ein paar populäre Charaktere auf, und Enzo hatte ein Repertoire von gewitzten, unterhaltsamen Stücke im Programm etabliert. Sally schrieb an einer eigenen Geschichte und hoffte, diese bald aufzuführen. Noch spielte sie Enzos Stücke fast so, wie er es ihr beigebracht hatte. Als sie aber zu spüren glaubte, wie sich die Blicke einiger Zuschauer regelrecht an den Akteuren festsaugten, begann sie sie flotter agieren zu lassen, viel flotter, als Enzo es jemals für richtig befunden hätte. Neue Wendungen der Handlung fielen ihr ein. Obwohl sie versteckt am Boden der Kastenbühne hockte, übertrug sich ihre Mimik in gewisser Weise auf die Züge der Darsteller.
Da saßen Kinder vor der Bühne, obwohl man in der Stadt keine Kinder gesehen hatte. Sie überwanden ihre Scheu, trippelten mitten im Stück näher. Wenn sie sich nach der Vorstellung hintereinander aufstellten, zur Spielrampe hoch sprangen und der Puppenspielerin durch die Stoffhände der Figuren hindurch die Finger drückten, fand Sally das ungeheuer schön.
Nach den Vorstellungen ging Polo jedes Mal die Sitzreihen im Theater ab, sah nach, ob nicht etwas liegen gelassen worden war, das zu Beschwerden führen konnte. Wenn es ein- mal so war, rückte eine Abordnung des Bezirks an und meinte, jemand vermisse seit gestern ein wertvolles Stück. Das klang, als würde dem Zirkus ein Diebstahl unterstellt. Es war vorgekommen, dass ein Besucher bei der darauf folgenden Vorstellung auf das Liegen Gelassene stieß und über das im Weg Liegende fluchte. Dieser Müll sei eine unzulässige Belästigung, hieß es. Polo, als dem Verantwortlichen, wurde es angelastet. Wie schwer fiel ihm, sich dann ruhig zu verhalten, und sich mit einer Verbeugung zu ent- schuldigen.
Heute fand er einen Schal, sogar ein Täschchen mit Klimpergeld. Warum musste das sein? Gleich würde er es bei der Kommandantur abgegeben. Er setzte sich, geriet in Versuchung einzunicken. Sein Blick fiel auf die Ornamente an den Wänden, und er dachte, dass es keine Schnecken waren, sondern Einschüsse.
Das Hotel auf der anderen Straßenseite, in dem die Truppe Quartier bezogen hatte, wirkte ähnlich düster und mitgenommen wie das Theater. Beide Häuser, die einmal voller Ereignisse und interessanter Begegnungen gewesen waren, wirkten, als müssten sie irgendwann miteinander verbunden gewesen sein. Die Gebäude waren für verschiedene Zwecke gebaut, hatten jedoch etwas Spiegelbildliches.
In Polos Zimmer wartete Stockman, der Verbindungsmann. Er kam oft vorbei, um zu schauen, vielleicht zu spionieren. Irgend ein Anliegen schob er immer vor. Er rief: “Sind die Herrschaften gut gelaunt? Wie stehts um das Familienleben der Truppe?” Da fragte ihn Polo, aus welcher Zeit das Theater stamme und ob das Hotel nicht für die Gäste gebaut worden sei, die früher zu den Komödien und Dramen im Theater anreisten.
Er lebe noch nicht sehr lange hier, antwortete Stockmann. Doch könne er soviel sagen, dass sich das Theater mit der Zeit einen guten Ruf erworben habe. In einer Broschüre, die auf dem Schnürboden gelegen hatte, stehe, dass schon vor über zweihundert Jahren hier Operetten und Dramen aufgeführt worden waren.
“Musentempel wurde das Gemäuer genannt”, erzählte er. “Auch Premieren soll es gegeben haben, die wirklich Renommee machten. Ein gewisser René Moulin soll ein Stück von Kafka herausgebracht haben, ein vollkommen verschollenes. Im Nachlass von Kafkas letzter Freundin soll es von diesem Moulin aufgestöbert worden sein, was aber unwahrscheinlich ist. Kein Mensch hat das Manuskript je zu Gesicht bekommen, außer dem Entdecker, der damit eine Weile hausieren ging, bis er hier damit Aufsehen erregte, indem er es auf die Bühne brachte. Das Stück hieß, wenn ich mich recht entsinne, “Der Fächer der Herzogin”. Berühmt wurde daraus der Satz: “Lass mich deinen Fächer bemalen.” Den Satz sagt im zweiten Akt ein Künstler, ein Verehrer der Herzogin. Er will damit andeuten, dass sie doch etwas Schönes sehen müsse, am nächsten Morgen auf ihrem Weg zur Guillotine.
Das Hotel, dem Theater vis á vis, wurde bereits vor dem Theater erbaut. Es ist eines der ersten Warenhäuser der Welt gewesen, sah aber anders aus, nicht mit dem Bau vergleich- bar, der heute hier steht. Zweimal wurde das Haus rigoros zerstört und jedes Mal etwas anders wieder aufgebaut. Zuletzt zog hier eine Metzgerei ein, und der umfangreiche Clan des Metzgers baute die Räume über die Jahre für seine zahlreiche Familie und deren Bedürfnisse um. Erst vor einem Jahr gab ein betagtes Paar, das fernab jeder erfolgreichen geschäftlichen Aktivität und von möglichen noch existierenden Familienangehörigen getrennt darin lebte, seinen Laden auf und zog weg. Erst da überlegte sich die Stadt, wie- der ein Hotel aus dem Haus zu machen.”
Polo hätte gerne etwas über die Möglichkeit eines Tunnels zwischen Theater und Hotel gehört. Unter der Straße musste er hindurch führen. Hatte er sich nicht in einer Nacht einige Meter hinein gewagt und ihn plötzlich mit Getöse vor sich einstürzen sehen? Wahrscheinlich war der Gang zugeschüttet, Polo glaubte, seine Wände berührt zu haben. Der Tunnel musste eine wichtige Funktion erfüllt haben.
Wenn er jetzt in seinem Zimmer eine freie halbe Stunde allein verbrachte, Bob sich auf einem Gang durch die Stadt befand, war ihm oft, als ob sich noch jemand außer ihm, jemand, den er nicht sah, im Raum befand, vielleicht eine Verwandte oder sogar die Tochter des Metzgers. Sie machte sich in einer Ecke zu schaffen. Wenn er aufsah und die Junge, Blasse seinen Blick bemerkte, flüsterte sie, ob sie ihm helfen könne. Seine Truppe müsse doch etwas Herzhaftes zu sich nehmen. Sie fragte, ob sie den Artisten dieses Herzhafte hinüber zur Bühne tragen solle oder ob sie ihm, dem Impressario, bei der Vorbereitung der Abendvorstellung behilflich sein könne.
Polo beachtete das Gespenst nicht weiter. Er musste sich seinen geschäftlichen Unterlagen widmen, nahm sich seine Listen vor und strich darin herum, bis er die Geräusche des Stift, nicht mehr aushielt. Das Papier ging ihm aus, und er suchte nach neuen Bögen, begann neue Listen.

Buffalo Bill’s Sattel

Sonderpreis der Jury
Buch des Jahres 2005 RLP,
verliehen am 20. 08. 2006

aus der Begründung der Jury: „Christa Estenfelds Erzählungen ist eine beinahe magische Anziehungskraft eigen. Die Sprache ist schlicht, fast kark, ohne Floskeln und gefällige Übergänge. Sehr sinnennah und präzise werden so ungewöhnliche, atmosphäörisch dichte Bilder heraufbeschworen, durch die die Wirklichkeit mehrdimensional erscheint. Nichts ist hier nur, wie es ist.

„Und der Jury muss man gratulieren, denn Estenfeld gehört nun ganz sicher nicht in die Riege der Regional-Krimi-Schreiber, deren Werke mittlerweile die rheinland-pfälzischen Buchläden überschwemmen…Wie sagte schon Jean Cocteau: „Schreiben ist ein Akt der Liebe – wenn nicht, dann ist es nur Schrift.“ Bei Christa Estenfeld leuchtet die Liebe zum Schreiben durch jede Zeile.“
(AZ Bad Kreuznach 12.08.2006)

Wie schon in ihrem ersten Erzählungen-Band, „Die Menschenfresserin“ (Haffmanns Verlag 1999), durchstreifen die Protagonisten der Autorin Seelenlandschaften, in denen ein zwingendes, unentrinnbares Gesetz von Zeit und Natur herrscht. Die Vergangenheit taucht seltsam bekannt im Jetzigen auf, Fortschreiten und Unveränderlichkeit, ein erschütterndes Abenteuer. So fiebert ein Japaner im 15. Jahrhundert einer Schlacht entgegen und erfährt eine wundersame Verwandlung. Das Gewesene taucht wie zur Begründung für Glück und Leid der heute Lebenden auf. Während ein Mädchen mit seiner Puppe spielt, ein Junge in einer Ausstellung Entdeckungen macht, zerbricht die Welt um ein weiteres Stück. Eine junge Frau und ein Mann versuchen ihre geliebten, schon verloren geglaubten Partner zu vergessen und erleben ein unverhofftes Wiedersehen. Auf einmal scheint Trost möglich.

Pressestimmen zu den ersten Erzählungen:

  • Christa Estenfeld ist eine leise Erzählerin. Ihre Qualitäten sind eher unspektakulär: Genauigkeit, Konsequenz, Offenheit, Dichte. Ihre Erzählungen sind dunkel und schön. Und sie treffen ins Herz. (Süddeutsche Zeitung)
  • Es ist möglich, dass mit der Erstlingsprosa der 52-jährigen Christa Estenfeld unerwartet eine Stimme zu sprechen beginnt, die wir mit einer Verbeugung dichterisch nennen müssen. (Neue Zürcher Zeitung)
  • Was bleibt, ist gerade nicht das lautstarke Toben des Wahnsinns. Die Welt, so hat schon T. S. Eliot gewusst, wird alleine mit einem ganz leisen Ton untergehen. Auf ihn bereiten Christa Estenfelds Erzählungen vor wie eine Stimmgabel. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Leseprobe
aus der Erzählung „Vom blauen nie gewesenen Tag“
im Erzählband „Buffalo Bills Sattel“

. . . Ich weiß nicht, was ich esse, ich schlinge, reiße einem kopflosen Gummivogel Beine und Flügel aus, die fettigen Finger tunken in anderes, werden am Brot abgewischt, fertig.
Früher-, ich rede nicht gern von früher, bin ich kein unbeschriebenes Blatt gewesen. Es ist einiges passiert, wir sind uns über den Weg gelaufen. Aber ich habe nichts ausradiert. Was hinter mir liegt, er muss es genau wissen, und auch ich glaube ihn gut zu kennen. In all dem Kennenwollen ist an diesem Tag ein solches Ausufern, ein Nichtdenken, ein enges, geschwätziges Nebeneinander, als hätten wir uns im Leben nie gesehen, würden uns später nie mehr sehen und hätten doch noch soviel zusammen vor. Scheiß der Hund drauf, die Jahreszeiten wechseln, wie sie wollen und unsere Gedanken verfertigen sich in verteilten Rollen.
Wälder sollen nicht sein. Man muss den freien Himmel sehen können. Auf festen Wegen, schon gefallenen Blättern rennen wir, auf Wiesen fallen wir hin. Wir betrinken uns. Mein Postmann, Weihnachts-, Robbenmann mit seinen Plätzchen, ein Wiederholungstäter. Er gibt es zu. Wo ist dein Mann jetzt, fragt er einmal, und ich antworte, dass ich es nicht weiß. Was ist mit Gina, frage ich, und er sagt, sie überwacht für ein paar Tage Werbeaufnahmen in Atlanta. . .

Schreizeichen

Textauszüge aus dem Band SCHREIZEICHEN
Märchen vom internen Tal

Seite 5

Sie haben uns in diesen Garten gesperrt. Wir waren in ihn hinein gestolpert, als sie uns jagten. Vor mir Swifty, die Jacke voller Pferde, dem Muster folge ich. Der Name der Musterpferde, einmal ausgesprochen, hallt hier wie ein Jauchzen. Ihr Wiehern dringt aber nicht an mein Ohr. Wir flüstern uns zu, was gesagt werden muss. Ist der Garten denn wirklich abgeschlossen? Ein Schlüsselchen habe ich nicht gesehen. Dennoch: Immer nur vorwärts heißt die Parole. Ich vertraue dem Käptn, der sie ausgegeben hat. Niemand kann ihm ins Gesicht sehen. So hat er alle Folterungen überlebt. Lag wie tot im Gras, als wir ihn auflasen. Mein Blick bleibt an den Faserfronten hängen. Da müssen wir vorbei, an diesem flatternden Licht. Ein Küchenfenster steht zur Hofseite hin offen. Das Kräutergärtlein, handtuchschmal, erstreckt sich ins Nachbargrundstück. Eine Hand wischt schimmligen Staub vom Fensterbrett. Und hinter uns rührt der Wind einen grauen Teig.

Seite 13

Der Kosmos befreit sich von den schwarzen Kräutern, klart zur frischen Ebene auf. Da lässt es sich gut rennen. Der Typ, den ich im Arm habe, den ich zu führen glaube, ist ein Mann mittleren Alters. Unter seinem Bart spricht er wie ein junger Erwachsener, der sich die Welt aneignen will, freiwillig gibt sie ihm keiner. Er sagt den lachhaften Satz, dass er die neue Generation sei und der Käptn solle gefälligst keine Fisimatenten machen. Hat er etwa recht? Auf was will er hinaus? Nun zieht er den Schlüssel zur Gartenpforte aus der Tasche, winkt damit unserem Anführer. Wie sie sich jetzt gegenüber stehen, Lehrer zweier gegensätzlicher Schulen. „Der dort leidet an Verfolgungswahn“, ruft der Alte und der Schlüssel saust wie ein Bumerang aus seiner Hand. „Getroffen“, schreit er.

Seite 31

Eines Morgens sagt einer, es sei durchs Netz gegangen, dass sie uns abgeschrieben hätten. Unser Explorer will das Gerücht nicht bestätigen. Inzwischen haben wir gelernt, uns zusammenzunehmen und aus dem Nichts der sandigen Beete, die wir vermessen und durchwühlen, unsere Freiheit zu schöpfen. Die Welle der Entmutigung, die uns jetzt aber ergreift, will erst mal geschluckt sein. Da meldet der alte Mann, der seit geraumer Zeit unser Vorreiter ist, eine Beobachtung: Ein Detektor hätte wie wild ausgeschlagen. Ungefähr nach einem Monat gehts über online. In hundert Metern Tiefe, im Ungreifbaren, haben wir, die Missgeburten und Ausgesetzten, einen Menschen ausgegraben. Der Kerl lebt noch. Der Körper könnte auch weiblich sein. Eine bis jetzt einmalige Form von Verwesung bei lebendigem Leib, ist weit fortgeschritten. Wir sind gespannt, ob und in welcher Form man uns Entdeckern entgegenkommt.

Seite 45

Das ist mein Wunsch, eine Montur, die wieder fest sitzt. Ich umarme Unsere Schönheit. Sie bedeckt mich ganz. Ein Schreizeichen über dich, murmelt sie, kann aber keinen Finger rühren. Da reihe ich mich wortlos ein. Swiftys Jacke bläht die Yahoo-Pferde. Geliebte Muster, Madonna, Marilyn, Tränenflecken auf Handtüchern, eine Inflation von Schlüsseln auf Purpurgrund, Pferde. Sie traben mit Zottelbeinen voran. Wahrscheinlich haben auch sie ihre Wünsche längst aufgegeben, darin sind sie fix. Ich tippe auf eine bestimmte Art von Software, die ihre derbe Sprache übersetzt. Darauf sind sie versessen, wollen sich unbedingt verständlich machen.