Buffalo Bill’s Sattel

Sonderpreis der Jury
Buch des Jahres 2005 RLP,
verliehen am 20. 08. 2006

aus der Begründung der Jury: „Christa Estenfelds Erzählungen ist eine beinahe magische Anziehungskraft eigen. Die Sprache ist schlicht, fast kark, ohne Floskeln und gefällige Übergänge. Sehr sinnennah und präzise werden so ungewöhnliche, atmosphäörisch dichte Bilder heraufbeschworen, durch die die Wirklichkeit mehrdimensional erscheint. Nichts ist hier nur, wie es ist.

„Und der Jury muss man gratulieren, denn Estenfeld gehört nun ganz sicher nicht in die Riege der Regional-Krimi-Schreiber, deren Werke mittlerweile die rheinland-pfälzischen Buchläden überschwemmen…Wie sagte schon Jean Cocteau: „Schreiben ist ein Akt der Liebe – wenn nicht, dann ist es nur Schrift.“ Bei Christa Estenfeld leuchtet die Liebe zum Schreiben durch jede Zeile.“
(AZ Bad Kreuznach 12.08.2006)

Wie schon in ihrem ersten Erzählungen-Band, „Die Menschenfresserin“ (Haffmanns Verlag 1999), durchstreifen die Protagonisten der Autorin Seelenlandschaften, in denen ein zwingendes, unentrinnbares Gesetz von Zeit und Natur herrscht. Die Vergangenheit taucht seltsam bekannt im Jetzigen auf, Fortschreiten und Unveränderlichkeit, ein erschütterndes Abenteuer. So fiebert ein Japaner im 15. Jahrhundert einer Schlacht entgegen und erfährt eine wundersame Verwandlung. Das Gewesene taucht wie zur Begründung für Glück und Leid der heute Lebenden auf. Während ein Mädchen mit seiner Puppe spielt, ein Junge in einer Ausstellung Entdeckungen macht, zerbricht die Welt um ein weiteres Stück. Eine junge Frau und ein Mann versuchen ihre geliebten, schon verloren geglaubten Partner zu vergessen und erleben ein unverhofftes Wiedersehen. Auf einmal scheint Trost möglich.

Pressestimmen zu den ersten Erzählungen:

  • Christa Estenfeld ist eine leise Erzählerin. Ihre Qualitäten sind eher unspektakulär: Genauigkeit, Konsequenz, Offenheit, Dichte. Ihre Erzählungen sind dunkel und schön. Und sie treffen ins Herz. (Süddeutsche Zeitung)
  • Es ist möglich, dass mit der Erstlingsprosa der 52-jährigen Christa Estenfeld unerwartet eine Stimme zu sprechen beginnt, die wir mit einer Verbeugung dichterisch nennen müssen. (Neue Zürcher Zeitung)
  • Was bleibt, ist gerade nicht das lautstarke Toben des Wahnsinns. Die Welt, so hat schon T. S. Eliot gewusst, wird alleine mit einem ganz leisen Ton untergehen. Auf ihn bereiten Christa Estenfelds Erzählungen vor wie eine Stimmgabel. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Leseprobe
aus der Erzählung „Vom blauen nie gewesenen Tag“
im Erzählband „Buffalo Bills Sattel“

. . . Ich weiß nicht, was ich esse, ich schlinge, reiße einem kopflosen Gummivogel Beine und Flügel aus, die fettigen Finger tunken in anderes, werden am Brot abgewischt, fertig.
Früher-, ich rede nicht gern von früher, bin ich kein unbeschriebenes Blatt gewesen. Es ist einiges passiert, wir sind uns über den Weg gelaufen. Aber ich habe nichts ausradiert. Was hinter mir liegt, er muss es genau wissen, und auch ich glaube ihn gut zu kennen. In all dem Kennenwollen ist an diesem Tag ein solches Ausufern, ein Nichtdenken, ein enges, geschwätziges Nebeneinander, als hätten wir uns im Leben nie gesehen, würden uns später nie mehr sehen und hätten doch noch soviel zusammen vor. Scheiß der Hund drauf, die Jahreszeiten wechseln, wie sie wollen und unsere Gedanken verfertigen sich in verteilten Rollen.
Wälder sollen nicht sein. Man muss den freien Himmel sehen können. Auf festen Wegen, schon gefallenen Blättern rennen wir, auf Wiesen fallen wir hin. Wir betrinken uns. Mein Postmann, Weihnachts-, Robbenmann mit seinen Plätzchen, ein Wiederholungstäter. Er gibt es zu. Wo ist dein Mann jetzt, fragt er einmal, und ich antworte, dass ich es nicht weiß. Was ist mit Gina, frage ich, und er sagt, sie überwacht für ein paar Tage Werbeaufnahmen in Atlanta. . .

Schreizeichen

Textauszüge aus dem Band SCHREIZEICHEN
Märchen vom internen Tal

Seite 5

Sie haben uns in diesen Garten gesperrt. Wir waren in ihn hinein gestolpert, als sie uns jagten. Vor mir Swifty, die Jacke voller Pferde, dem Muster folge ich. Der Name der Musterpferde, einmal ausgesprochen, hallt hier wie ein Jauchzen. Ihr Wiehern dringt aber nicht an mein Ohr. Wir flüstern uns zu, was gesagt werden muss. Ist der Garten denn wirklich abgeschlossen? Ein Schlüsselchen habe ich nicht gesehen. Dennoch: Immer nur vorwärts heißt die Parole. Ich vertraue dem Käptn, der sie ausgegeben hat. Niemand kann ihm ins Gesicht sehen. So hat er alle Folterungen überlebt. Lag wie tot im Gras, als wir ihn auflasen. Mein Blick bleibt an den Faserfronten hängen. Da müssen wir vorbei, an diesem flatternden Licht. Ein Küchenfenster steht zur Hofseite hin offen. Das Kräutergärtlein, handtuchschmal, erstreckt sich ins Nachbargrundstück. Eine Hand wischt schimmligen Staub vom Fensterbrett. Und hinter uns rührt der Wind einen grauen Teig.

Seite 13

Der Kosmos befreit sich von den schwarzen Kräutern, klart zur frischen Ebene auf. Da lässt es sich gut rennen. Der Typ, den ich im Arm habe, den ich zu führen glaube, ist ein Mann mittleren Alters. Unter seinem Bart spricht er wie ein junger Erwachsener, der sich die Welt aneignen will, freiwillig gibt sie ihm keiner. Er sagt den lachhaften Satz, dass er die neue Generation sei und der Käptn solle gefälligst keine Fisimatenten machen. Hat er etwa recht? Auf was will er hinaus? Nun zieht er den Schlüssel zur Gartenpforte aus der Tasche, winkt damit unserem Anführer. Wie sie sich jetzt gegenüber stehen, Lehrer zweier gegensätzlicher Schulen. „Der dort leidet an Verfolgungswahn“, ruft der Alte und der Schlüssel saust wie ein Bumerang aus seiner Hand. „Getroffen“, schreit er.

Seite 31

Eines Morgens sagt einer, es sei durchs Netz gegangen, dass sie uns abgeschrieben hätten. Unser Explorer will das Gerücht nicht bestätigen. Inzwischen haben wir gelernt, uns zusammenzunehmen und aus dem Nichts der sandigen Beete, die wir vermessen und durchwühlen, unsere Freiheit zu schöpfen. Die Welle der Entmutigung, die uns jetzt aber ergreift, will erst mal geschluckt sein. Da meldet der alte Mann, der seit geraumer Zeit unser Vorreiter ist, eine Beobachtung: Ein Detektor hätte wie wild ausgeschlagen. Ungefähr nach einem Monat gehts über online. In hundert Metern Tiefe, im Ungreifbaren, haben wir, die Missgeburten und Ausgesetzten, einen Menschen ausgegraben. Der Kerl lebt noch. Der Körper könnte auch weiblich sein. Eine bis jetzt einmalige Form von Verwesung bei lebendigem Leib, ist weit fortgeschritten. Wir sind gespannt, ob und in welcher Form man uns Entdeckern entgegenkommt.

Seite 45

Das ist mein Wunsch, eine Montur, die wieder fest sitzt. Ich umarme Unsere Schönheit. Sie bedeckt mich ganz. Ein Schreizeichen über dich, murmelt sie, kann aber keinen Finger rühren. Da reihe ich mich wortlos ein. Swiftys Jacke bläht die Yahoo-Pferde. Geliebte Muster, Madonna, Marilyn, Tränenflecken auf Handtüchern, eine Inflation von Schlüsseln auf Purpurgrund, Pferde. Sie traben mit Zottelbeinen voran. Wahrscheinlich haben auch sie ihre Wünsche längst aufgegeben, darin sind sie fix. Ich tippe auf eine bestimmte Art von Software, die ihre derbe Sprache übersetzt. Darauf sind sie versessen, wollen sich unbedingt verständlich machen.