Buffalo Bill’s Sattel

Sonderpreis der Jury
Buch des Jahres 2005 RLP,
verliehen am 20. 08. 2006

aus der Begründung der Jury: „Christa Estenfelds Erzählungen ist eine beinahe magische Anziehungskraft eigen. Die Sprache ist schlicht, fast kark, ohne Floskeln und gefällige Übergänge. Sehr sinnennah und präzise werden so ungewöhnliche, atmosphäörisch dichte Bilder heraufbeschworen, durch die die Wirklichkeit mehrdimensional erscheint. Nichts ist hier nur, wie es ist.

„Und der Jury muss man gratulieren, denn Estenfeld gehört nun ganz sicher nicht in die Riege der Regional-Krimi-Schreiber, deren Werke mittlerweile die rheinland-pfälzischen Buchläden überschwemmen…Wie sagte schon Jean Cocteau: „Schreiben ist ein Akt der Liebe – wenn nicht, dann ist es nur Schrift.“ Bei Christa Estenfeld leuchtet die Liebe zum Schreiben durch jede Zeile.“
(AZ Bad Kreuznach 12.08.2006)

Wie schon in ihrem ersten Erzählungen-Band, „Die Menschenfresserin“ (Haffmanns Verlag 1999), durchstreifen die Protagonisten der Autorin Seelenlandschaften, in denen ein zwingendes, unentrinnbares Gesetz von Zeit und Natur herrscht. Die Vergangenheit taucht seltsam bekannt im Jetzigen auf, Fortschreiten und Unveränderlichkeit, ein erschütterndes Abenteuer. So fiebert ein Japaner im 15. Jahrhundert einer Schlacht entgegen und erfährt eine wundersame Verwandlung. Das Gewesene taucht wie zur Begründung für Glück und Leid der heute Lebenden auf. Während ein Mädchen mit seiner Puppe spielt, ein Junge in einer Ausstellung Entdeckungen macht, zerbricht die Welt um ein weiteres Stück. Eine junge Frau und ein Mann versuchen ihre geliebten, schon verloren geglaubten Partner zu vergessen und erleben ein unverhofftes Wiedersehen. Auf einmal scheint Trost möglich.

Pressestimmen zu den ersten Erzählungen:

  • Christa Estenfeld ist eine leise Erzählerin. Ihre Qualitäten sind eher unspektakulär: Genauigkeit, Konsequenz, Offenheit, Dichte. Ihre Erzählungen sind dunkel und schön. Und sie treffen ins Herz. (Süddeutsche Zeitung)
  • Es ist möglich, dass mit der Erstlingsprosa der 52-jährigen Christa Estenfeld unerwartet eine Stimme zu sprechen beginnt, die wir mit einer Verbeugung dichterisch nennen müssen. (Neue Zürcher Zeitung)
  • Was bleibt, ist gerade nicht das lautstarke Toben des Wahnsinns. Die Welt, so hat schon T. S. Eliot gewusst, wird alleine mit einem ganz leisen Ton untergehen. Auf ihn bereiten Christa Estenfelds Erzählungen vor wie eine Stimmgabel. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Leseprobe
aus der Erzählung „Vom blauen nie gewesenen Tag“
im Erzählband „Buffalo Bills Sattel“

. . . Ich weiß nicht, was ich esse, ich schlinge, reiße einem kopflosen Gummivogel Beine und Flügel aus, die fettigen Finger tunken in anderes, werden am Brot abgewischt, fertig.
Früher-, ich rede nicht gern von früher, bin ich kein unbeschriebenes Blatt gewesen. Es ist einiges passiert, wir sind uns über den Weg gelaufen. Aber ich habe nichts ausradiert. Was hinter mir liegt, er muss es genau wissen, und auch ich glaube ihn gut zu kennen. In all dem Kennenwollen ist an diesem Tag ein solches Ausufern, ein Nichtdenken, ein enges, geschwätziges Nebeneinander, als hätten wir uns im Leben nie gesehen, würden uns später nie mehr sehen und hätten doch noch soviel zusammen vor. Scheiß der Hund drauf, die Jahreszeiten wechseln, wie sie wollen und unsere Gedanken verfertigen sich in verteilten Rollen.
Wälder sollen nicht sein. Man muss den freien Himmel sehen können. Auf festen Wegen, schon gefallenen Blättern rennen wir, auf Wiesen fallen wir hin. Wir betrinken uns. Mein Postmann, Weihnachts-, Robbenmann mit seinen Plätzchen, ein Wiederholungstäter. Er gibt es zu. Wo ist dein Mann jetzt, fragt er einmal, und ich antworte, dass ich es nicht weiß. Was ist mit Gina, frage ich, und er sagt, sie überwacht für ein paar Tage Werbeaufnahmen in Atlanta. . .

Entsetzlich anheimelnd


Auf der ersten Seite ist schon alles infiziert: ein Mädchen spielt im Pflegeheim Josefsstift das Christkind, gehüllt in das Spitzennachthemd einer der alten Frauen. Seine mageren Schulterblätter stechen hervor – die Engelsflügel. Eine „blutrote“ Blume zu Füßen der Madonna hypnotisiert den Blick der kleinen Keti. Ein Glück, dass sie den Jesusknaben, den sie herum zu tragen hat, nicht fallen lässt. Christa Esterfelds Erstling „Die Menschenfresserin“ beginnt mit einer abgründigen Weihnachtsgeschichte. Das Geburtsfest Christi ist die Zeit der Wünsche, der Geheimnisse, der Wunder. Für Keti ist es eine Zeit größter Verunsicherung und schwierigster Lebenserfahrungen von Zerfall und Tod.

Christa Estenfeld ist eine leise Erzählerin. Ihre Qualitäten sind eher unspektakulär: Genauigkeit, Konsequenz, Offenheit, Dichte. Doch die Erzählungen haben eine magische Anziehungskraft. Sie sind dunkel und schön. Und sie treffen ins Herz. Der wiedergeborene Joseph Conrad könnte Christa Estenfeld heißen. Auch ihre Geschichten geraten in die Wälder und Urwälder, anziehende und gefährliche. Alles darin ist „regellos, aber durchdrungen von einer zwingenden Logik“. Auch Christa Estenfelds Texte handeln von den tödlichen Umarmungen des Dschungels, von Gesetzmäßigkeiten, die unsere Gesetze nur ahnen können. Im Grenzland zwischen empirischer Wahrnehmung und obsessiver Vorstellung entstehen die Seelenlandschaften als Begegnungsorte von Leben und Tod.

Der Duktus dieser Prosa ist ruhig und klar. Aber gerade seine Gleichmäßigkeit, ja Indifferenz ist das süße Gift. Die Erzählperspektive bleibt immer die des Zuschauers. Und wenn das Ich erzählt, schaut es sich selber zu, als hätte es an sich kein Interesse. Nicht nur in der Titelgeschichte widerstreitet dem labilen Zustand des Ichs diese Kraft zum Außersichsein. Von Menschen in Extremsituationen ist das bekannt. So geht die von einer schweren ansteckenden Krankheit befallene Frau auf der Insel, auf der sie ausgesetzt wird, an Land, eine Königin der Einsamkeit. Es ist ihr Triumph, hier einzugehen ins Animalische und Vegetative.

Die Dinge geschehen in Christa Estenfelds Erzählungen nicht unerwartet. Doch den Blick auf ein nahes, schreckliches Ende fixiert, erscheint dem Leser jeder Satz als Verzögerung, Ablenkung, falsche Fährte. Am Ende weiß er, es wäre genau das gewesen, worauf er hätte achten müssen. Er kommt immer zu spät. Da ist die Metapher vom dicken „Fischzug“ den der Werbemann Lennart macht. Ihm folgt das Fischessen mit dem Kunden – und die Fischvergiftung. Auf dem T-Shirt des Kunden wäre es zu lesen gewesen: „Internationale t.o.t. GmbH“. Der Kunde war der Tod. Die Sekretärin hat ihm noch den Kopf auf die Knie gelegt. Post festum ist alles ein Zeichen.

Tod, Leben: vielleicht erübrigen sich die Begriffe. In der feuchten, schweren Luft der Regenwälder bilden sie ein grausames Gleichgewicht. Die Insektenforscherin Vera in der grandios verstörenden Erzählung „Vergeltung“ erfährt am eigenen Leib, was sie erforscht. Die Geschichte ist ein Albtraum – aber was genau, darin ist Traum? Nach einem Kongress sitzt Vera mit ihrem Kollegen erschöpft im Seafood-Restaurant; – eine Languste wird kunstvoll zum Tode hergerichtet. Dann verbrennt sich der Koch die Hände . . . „und Vera erwachte“. Sie erwacht auf einer Forschungsreise im Urwald, die sie für ihren jetzt tödlich verunfallten Kollegen fortsetzt. Vera drängt, sie ist im Rückstand. Der Führer bleibt gleichgültig. Die Mulis erkranken, bei Zigeunern leiht sie sich Ponys. Die Zigeuner sind Kettenraucher. Einer lässt die letzte brennende Zigarette ins Wasser fallen. Vera wird „verurteilt“: Sie muss in der Nacht Streichhölzer holen. Die Ponys rennen gegen einen Baum, zwei Männer vergewaltigen Vera. Doch nicht die Kette der Ereignisse ist von kafkaesker Logik, sondern die Tatsache, dass Vera die Formel dafür von Anfang schon kennt: die der Metamorphose der Insektenlarven als Koinzidenz von Leben und Tod. „Doch war es nicht ähnlich wie zuhause? Hielt der Dschungel nicht ähnlich entsetzliche Uberraschungen bereit, war er deshalb hicht auch anheimelnd?“ fragt Vera.

Christa Estenfelds Erzählungen müssten vor Verweiflung schreien, aber genau das tun sie nicht. Die Figuren gehen weiter in ihrer Geschichte. Als würden sie jetzt ein ewiges Leben beginnen.

SAMUEL MOSER in: Süddeutsche Zeitung / Literatur / 13.10.1999
über den Christa Estenfelds Erzählband „Die Menschenfresserin

Elektrische Schatten

Deutschland in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre:
Ein Regisseur dreht einen Film, der die Verschleppung
und Ermordung seiner jüdischen Kindheitsfreundin thematisiert.
Zeitgleich gerät eine junge Frau in die Hände
einer Terrorgruppe. – Eine Geschichte von Schuld
und Bewältigung im Spannungsfeld von künstlerischer Reflektion
und politischer Aktion. Mit poetischen Mitteln werden Epik und Filmkunst,
Vergangenheit und Zukunft, Individuum
und Terror aufeinander bezogen.

Buchritik von Frauke Kaberka, dpa:
Blick in die Traumfabrik: «Elektrische Schatten»

Fiktion oder Wirklichkeit? Bei Christa Estenfeld fließt beides ineinander. Manchmal sind es Tagträume, manchmal Ideale und Vorstellungen von einem Leben, das man sich fernab der Realität wünscht.
Und manchmal sind es schreckliche – teils wahr gewordene – Albträume, die die Mainzer Autorin ihren Protagonisten in dem Roman «Elektrische Schatten» beschert. Sie führt ihre Leser in eine Traumfabrik. Die Welt des Films wird Mittel zum Zweck.
Auf der einen Ebene versucht der Regisseur Roman in den 70er Jahren eine prägende Kindheitserinnerung zu einem Spielfilm zu verarbeiten. Der Holocaust und ganz speziell die Verschleppung einer Jugendgespielin in die Gaskammer sind sein Trauma, das sich später auf seine Hauptdarstellerin übertragen wird. Die außerordentlich begabte junge Franzi hat ihre eigenen Vorstellungen vom künftigen Leben. Knapp formuliert sie diese in einem Schulaufsatz – schnörkellos und doch märchenhaft. Anlass für ihre Lehrerin, sie dem noch suchenden Regisseur zu empfehlen. Mit Erfolg: Ein Star wird geboren. Doch das neue Leben hat so gar nichts mit Märchen gemein.
Die andere Erzählebene führt in die Terroristenszene. Edith, eine junge Frau, gerät ohne Schuld mitten hinein, etabliert sich, ohne selbst aktiv zu werden, und kommt ganz unspektakulär wieder heraus. Wie Estenfeld Ediths Gedanken- und Gefühlswelt beschreibt, ist stark. Dass beide Erzählstränge aufeinandertreffen, war natürlich vorhersehbar – und ist doch auch gelungen: das Verbrennen von Romans Holocaust-Filmrollen mit grausiger Symbolik. Vergangenheit kollidiert mit Gegenwart, Gewalt mit Gewalt. Konfrontation und Verarbeitung werden wichtig für die Zukunft.
Doch das ist nicht das Ende der Geschichte und auch nicht das Ende von Romans Filmprojekt. Es werden noch viele Träume geträumt. Einige sind Redundanz im besten Sinne. Die oft ineinanderfließenden Sequenzen erfordern mitunter hohe Aufmerksamkeit. Was dem Leser sofort eingeht, sind die poetischen Worte und Bilder, die Estenfeld als Künstlerin ausweisen. Die auch als Grafikerin und Illustratorin bekannte Autorin erweist sich als exzellente Zeichnerin von Gefühlen mit all ihren Facetten: von hell bis dunkel, von wunderschön bis hässlich.


Schreizeichen

Textauszüge aus dem Band SCHREIZEICHEN
Märchen vom internen Tal

Seite 5

Sie haben uns in diesen Garten gesperrt. Wir waren in ihn hinein gestolpert, als sie uns jagten. Vor mir Swifty, die Jacke voller Pferde, dem Muster folge ich. Der Name der Musterpferde, einmal ausgesprochen, hallt hier wie ein Jauchzen. Ihr Wiehern dringt aber nicht an mein Ohr. Wir flüstern uns zu, was gesagt werden muss. Ist der Garten denn wirklich abgeschlossen? Ein Schlüsselchen habe ich nicht gesehen. Dennoch: Immer nur vorwärts heißt die Parole. Ich vertraue dem Käptn, der sie ausgegeben hat. Niemand kann ihm ins Gesicht sehen. So hat er alle Folterungen überlebt. Lag wie tot im Gras, als wir ihn auflasen. Mein Blick bleibt an den Faserfronten hängen. Da müssen wir vorbei, an diesem flatternden Licht. Ein Küchenfenster steht zur Hofseite hin offen. Das Kräutergärtlein, handtuchschmal, erstreckt sich ins Nachbargrundstück. Eine Hand wischt schimmligen Staub vom Fensterbrett. Und hinter uns rührt der Wind einen grauen Teig.

Seite 13

Der Kosmos befreit sich von den schwarzen Kräutern, klart zur frischen Ebene auf. Da lässt es sich gut rennen. Der Typ, den ich im Arm habe, den ich zu führen glaube, ist ein Mann mittleren Alters. Unter seinem Bart spricht er wie ein junger Erwachsener, der sich die Welt aneignen will, freiwillig gibt sie ihm keiner. Er sagt den lachhaften Satz, dass er die neue Generation sei und der Käptn solle gefälligst keine Fisimatenten machen. Hat er etwa recht? Auf was will er hinaus? Nun zieht er den Schlüssel zur Gartenpforte aus der Tasche, winkt damit unserem Anführer. Wie sie sich jetzt gegenüber stehen, Lehrer zweier gegensätzlicher Schulen. „Der dort leidet an Verfolgungswahn“, ruft der Alte und der Schlüssel saust wie ein Bumerang aus seiner Hand. „Getroffen“, schreit er.

Seite 31

Eines Morgens sagt einer, es sei durchs Netz gegangen, dass sie uns abgeschrieben hätten. Unser Explorer will das Gerücht nicht bestätigen. Inzwischen haben wir gelernt, uns zusammenzunehmen und aus dem Nichts der sandigen Beete, die wir vermessen und durchwühlen, unsere Freiheit zu schöpfen. Die Welle der Entmutigung, die uns jetzt aber ergreift, will erst mal geschluckt sein. Da meldet der alte Mann, der seit geraumer Zeit unser Vorreiter ist, eine Beobachtung: Ein Detektor hätte wie wild ausgeschlagen. Ungefähr nach einem Monat gehts über online. In hundert Metern Tiefe, im Ungreifbaren, haben wir, die Missgeburten und Ausgesetzten, einen Menschen ausgegraben. Der Kerl lebt noch. Der Körper könnte auch weiblich sein. Eine bis jetzt einmalige Form von Verwesung bei lebendigem Leib, ist weit fortgeschritten. Wir sind gespannt, ob und in welcher Form man uns Entdeckern entgegenkommt.

Seite 45

Das ist mein Wunsch, eine Montur, die wieder fest sitzt. Ich umarme Unsere Schönheit. Sie bedeckt mich ganz. Ein Schreizeichen über dich, murmelt sie, kann aber keinen Finger rühren. Da reihe ich mich wortlos ein. Swiftys Jacke bläht die Yahoo-Pferde. Geliebte Muster, Madonna, Marilyn, Tränenflecken auf Handtüchern, eine Inflation von Schlüsseln auf Purpurgrund, Pferde. Sie traben mit Zottelbeinen voran. Wahrscheinlich haben auch sie ihre Wünsche längst aufgegeben, darin sind sie fix. Ich tippe auf eine bestimmte Art von Software, die ihre derbe Sprache übersetzt. Darauf sind sie versessen, wollen sich unbedingt verständlich machen.

Bremer Rede

Christa Estenfeld’s
Rede zum Bremer Literaturpreis 2000
am 26.01.2000 Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung

Sehr geehrte Damen und Herren, Mitte der 80er Jahre muss es gewesen sein, als ich in Berlin war, um eine frühere Schülerin und Studentin der Kunstgeschichte, sowie die Berlinale zu besuchen. Es wurde eine interessante Woche in all diesem Berlin, zu dem es mich vorher nie gezogen hatte, die Rockkonzerte in alten Kinokatakomben, wo der Staub die Stimme des Sängers nicht erstickte, sondern herrlich knistern ließ, die Vorträge des Freundes meiner Schülerin in den Museen, anstrengend, der Junge war nicht zu bremsen, über jedes Professorenniveau erhaben, die kunstvoll verschmutzten End-Art-Galerien, die Geisterbahnhöfe und einbetonierten Installationen, die Filme. Ich bin eine passionierte Kinogeherin. Da vergesse ich mich manchmal, bin nicht wegzukriegen. Mitten in Berlin fingen mir also die Augen an zu brennen, ja zu tränen. Das Handykap blieb mir die nächsten Tage erhalten. Ich nehme an, dass es vor allem eine allergische Reaktion auf den Wechsel einer Hautcreme war. Es war unangenehm. Und als wir nach Ostberlin wollten, im Kontrollschlauch, betrachtete mich der Grenzer in seinem Glaskästchen, dem mickrig geratenen Ticketstand, mit gerunzelter Stirn. Die anderen passierten anstandslos und ich fühlte mich leicht ärgerlich werden, weil ich zurückgehalten wurde. Ich kam eindeutig nicht gut weg, beim kritischen Vergleich zwischen Passbild und tatsächlich anwesender Physiognomie. Ich wollte schon etwas sagen wie, machen Sie sich keine Gedanken, ich bin das wirklich, da verzog er das Gesicht. Beim neuesten Film von Woody Allan, leider einer Hommage an Ingmar Bergmann, hatte ich zweimal furchtbar lachen müssen, an Stellen, wo Woody es sicher nicht vorgesehen hatte. Dieses Lachen war es nicht, was mir jetzt Tränen in die Augen trieb. Nachdem mich der Grenzbeamte in der Schleuse anscheinend doch erkannt hatte, blieb bei ihm der Eindruck, die hat vor kurzem tüchtig geheult. Da ich aber trotz der verschwollenen roten Augen ganz munter schien und beinahe energisch meine Hand in Richtung Pass schob, nickte er schließlich, verschmitzt lächelnd, auch etwas hintergründig, ähnlich wie ich. Ein wenig fühlte er mit mir, ein wenig tat ich ihm leid. Vielleicht empfand er auch mein unwissendes, mitleidiges Bedauern, mit dem ich von Anfang an zu ihm aufgesehen hatte.Ein Missverständnis? Eine Überlappung eher, die zu einer Schnittstelle wird. Der junge Mann hat mir die Karte dann ausgestellt, mit der ich in sein Land und wieder zurück durfte.Solche Einschnitte und Legitimationsausweise sind Glücksfälle im oft atemlosen Rennen. Gut, dass es diese Momente gibt, wo ich mich plötzlich angehalten und befragt fühle, ob ich noch ich sei, wo meine Identität auf keinen Fall feststeht. Auch der Preis heute ist so ein Beleg. Ich höre, es darf weitergehen. Es ist schon weitergegangen, unabhängig von allem.Die Erinnerungen bleiben, an Landschaften und Menschen. Einmal stand „Grafikerin“ auf meiner Kennkarte. Von den Leuten aus der Werbebranche, die fast rund um die Uhr in ihren Arbeitsräumen lebten, ging etwas Hingegebenes, ja Waghalsiges aus. Vor ein paar Wochen überspannte ein Transparent meine Araltankstelle. War hier ein Streik angesagt? Es interessierte mich, mit was ich aufgerüttelt werden sollte. Da las ich das nostalgische Zitat „Weine nicht, wenn der Regen fällt“, Worte, die dieser Exhibitionist mit der rauhen Stimme, ich glaube in der Zeit der 68er Umzüge herausgeschrieen hat. Oh, ihr vertrackten Texter, ihr Poeten des Banalen, es ist immer unser Credo, uns möglichst klar auszudrücken und auf kontrastreichen Bildern zu bestehen.Ich bin eine Bildermacherin, die das Schreiben liebt. Seit ungefähr zehn Jahren hat sich diese Sache ernsthaft entwickelt. Mein Schreiben verrät meine Bilder nicht, aber alles hängt aneinander und ohne die Bilder würde es vielleicht keine Texte geben.Ich mag diese Fotografie eines jungen Mannes im Sonntagsanzug mit Melone. Es ist nicht Charly Chaplin, doch auch er liebte das Kino. Ich fand von Anfang an nichts Befremdliches und Erschreckendes in seinen Erzählungen. Beglaubigungen für einen Beruf, ein geglücktes Leben in Eisnebel verhangenen Schlössern oder in einem fernen Amerika zu bekommen, das ist nun mal ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen.Sehe ich mir Bilder an, stört mich oft das geringste Wort. Bei ihrer Entstehung jedoch kann Musik sehr willkommen sein. Oh, sie kann die Sache vorantreiben, den Rausch verstärken. Ich danke dem Maler H. J. Kropp, der mir zeigte, wie es möglich ist, in Nächten bei Frank Zappa und den Ungarischen Tänzen Ströme von Bildern fließen zu lassen. Herr Gauguin auf seinen Inseln hatte sich der Malerei ganz ausgeliefert. Ihm war sie die schönste aller Künste, die Summe allen Fühlens. Mit einem einzigen Blick, so schrieb er, kann jede Seele in die tiefsten Erinnerungen tauchen, denn ohne Anstrengung des Gedächtnisses kehrt alles in einem einzigen Augenblick zurück. Musik und Schreibkunst benötigten für ähnliche Wirkungen die zeitliche Abfolge von Tönen und Worten. Herr von Hofmannsthal hat dies vor den Werken van Goghs ähnlich empfunden, das plötzliche, gleichzeitige Ergriffensein durch Außen und Innen. Farbe, Farbe, ruft er. Ihm erscheint das Wort zu armselig für die hundertfache Stärke, für Wucht und Fremdheit, die sich vor ihm auftat und ihn umschlang. Van Gogh faselte in euphorischen Zuständen von der Hochzeit zweier Komplementärtöne und ernährte sich gegebenenfalls von dem Brei, den er direkt aus den Farbtuben auf seine Leinwand drückte, nahm es hin oder dachte nicht daran, dass sie ihm am nächsten Tag schmerzhaft fehlen würden und er nicht mit dem Malen weiterkam. Sein Leiden muss furchtbar gewesen sein. Das Rosa und das Grün trugen ein üppiges Gift. Das Paradies hat auch Gauguin nicht gefunden. Natürlich, sagt Hofmannsthal, warum sollen nicht die Farben auch Brüder der Schmerzen sein?Ich verwende die vielfältig zusammengesetzte Farbe. Hofmannsthal nennt sie: Diese Farbe, die ein Grau war und ein fahles Braun und eine Finsternis und ein Schaum, in der ein Abgrund war und ein Dahinstürzen, ein Tod und ein Leben, ein Grausen und eine Wollust. Dazwischen blitzen ungemischte Töne, sie sind mir gleich kostbar wie dieses Grau.Heute verbringe ich einen guten Teil meiner Zeit in Zeichensäälen, dort hatte ich mich auch einmal frei gefühlt. Ich sitze auf Schulbänken, habe den Raum, wenn auch seitenverkehrt, wieder vor Augen, Bilder, die wie Seerosen über die Wände, über Gartenteiche gleiten und die Kinder. Sie hören von den Künstlern auf ihren Inseln. Sie lachen und sagen, wie abartig das Eine oder das Andere sei. Im Grunde verstehen sie es nur zu gut. Auch sie können es einmalig, wenn sie wollen. Auch an ihnen haftet etwas Hingegebenes, ja Waghalsiges. Außerdem etwas unsagbar Hilfloses. So kann plötzlich ein Junge herein stürzen. Möglich, dass er draußen noch einen Satz auf den Lippen hatte. Dann wäre es wie in einer Talkshow. Doch jetzt ist er ganz leer, ein unbeschriebenes Blatt, er stellt sich nicht vor. Viele Male sticht er zu. Er weiß nicht, ob er etwas gespürt hat. Später sagt er, er hätte abgrundtief gehasst. Man hat auf ihn gewettet. Plötzlich hatte er so etwas wie Anhänger, die konnte er doch nicht enttäuschen.Ich suche die Bilder und Geschichten nicht, sie stehen mir vor Augen. Vielleicht sind das meine Schulaufgaben.Lange hat meine Sätze niemand ansehen wollen. Dann habe ich großes Glück gehabt und jemand ist auf das, was ich geschrieben habe, aufmerksam geworden. Ich danke besonders Herrn Heiko Arntz für seinen ersten Brief, das erste Telefonat, die erste für mich so wichtige, so positive Resonanz. Ich danke für den Bremer Förderpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. Vielen Dank der Jury! Es ist jetzt keine so einsame Beschäftigung mehr, mich auf den Schauplätzen meiner Erzählungen und Romane zu bewegen, die nur auf den ersten unkundigen Blick wüst oder verloren wirken.All das sind natürlich nichts als Worte. Sie sind vielleicht etwas umständlich, denn sie benötigen Zeit ausgesprochen oder gelesen zu werden, die Wirkung ist nicht auf den ersten Blick da. Aber die Worte sind mir in all den Jahren wie favorisierte Kinder ans Herz gewachsen. Man wird sehen.

Endlich Ruhe


Heilloses Gestammel, der unaufhörliche Fluß sich schleppender, sich gleichender Anträge! Diese Forderungen aus allen Himmelsrichtungen! Die Millionen Nadelstiche durch die Ohren, durch die Augen ins Gehirn! Soll es nicht genug sein, irgendwann? Muß nicht auch ich Atem holen, ausschlafen? Nein wirklich! Ihr braucht mich nicht gläubig anzustieren wie einen eurer öligen Götzen! Ihr seht nichts anderes, als wenn ihr nach euren Büroabenden, ja, ich setze voraus, ihr arbeitet bis spät in die Nacht, in euren Badezimmerspiegel seht: Man sagt, es ist ein graues Gesicht.

Ich weiß nicht, bin ich einer von euch? Ihr seid wie die Käfer mit den ewig zappelden Beinen. Ihr gebt keine Ruhe. Meiner Mutter, obwohl das einige sagen, sehe ich nicht ähnlich. Ich bin nicht wie ihr. Ich bin ganz anders. Und verpflichtet fühle ich mich schon gar niemandem. Manchmal reicht es einfach. Da ziehe ich mir den Pullover oder mein Jacket über den Kopf und will nur bei mir, bei uns, sein.

Ich kleide mich meist in einfache, leicht kratzende Sachen, kann mich nicht von diesem Schweißtuch trennen, das meine Existenz so fadenscheinig nachzeichnet. Ihr wollt anderes, alles von mir. Doch das Imperium gehört der anderen Generation. Ich sage euch glatt, die hat es mir noch nicht überschrieben. Natürlich funktionieren die Beraterverträge. Untereinander sind wir verwoben, das könnt ihr euch natürlich nicht vorstellen! Ihr habt von ihr gehört, der ersten und der dritten, der geistreichen geflügelten Instanz. Oh, sie weiß bestens bescheid. Was lacht ihr immer so dumm, wenn ich auf die Vögel unter dem Himmel zu sprechen komme!

Ich bin so müde! Da möchte ich keinen Fehler machen. Ihr tut mir von Herzen Leid, aber was solls! Es ist ja dafür gesorgt, daß es nicht so schnell aufhört. Er hat noch seinen Spaß daran, zu sehen, wie ihr euch zu Grunde richtet. Da hätte er, sagte er mir neulich, eventuell gespart, am Schluß noch als Richter aufzutreten. Nach all den Mysterienspielen, die er sich aus der Feder sog, zu denen ich mich hergegeben habe, hatte er gehofft, daß alles irgendwie gut würde.

Als ob ich euch nicht durch und durch kenne! Ihr wollt mich weich machen, das langweilt erbärmlich! Außerdem bin ich auch nur ein Mensch. Und erschöpft. Manchmal sehe ich dem Tod ins Gesicht und glaube es nicht, daß er, dieser wunderbare Freund, Maskierungen nötig hat. Ich liege und wünsche mir, daß er kommt, der Schlaf, der unerschöpflich erquickende. Ich bin auch einmal dran gewesen. Die Qualen hörten ganz plötzlich auf und ich glitt hinüber. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Danach kann man süchtig werden. Ich habe nie mehr so etwas erlebt.

Ich bin schlaflos in dieser Welt. Abends strecke ich mich dort am Hang aus und schaue einfach. Ich überblicke ein ziemliches Stück Land. Und mir wird seltsam zumute, wenn ich fühle, es gibt nichts, wo ich mich halten kann. Auch wenn es so aussieht, als läge ich im Gras, es sieht nur so aus. Ich habe keine Angst, meinen Anzug schmutzig zu machen, das ist es nicht. Aber die Welt, belastete ich sie tatsächlich, würde mich nicht ertragen. Ich schwebe natürlich, und unter mir wächst das Gras weiter, Halme für die Schafe, die morgen heran trotten. Auf einmal geht es mir wie den Jungen oder Verzweifelten. Leere Flaschen torkeln und tanzen um sie herum, wie schwach gewordene Kompaßnadeln: Himmel, die Welt dreht sich und die Ferne ist beunruhigend!

Die Litanei der Stimmen! Keine singt mir je ein Lullaby. Bei alledem die Penetranz der Dynastie! Das auch noch: Zeig dich dem Volk! Zeig dich dem Volk! Ich habe den Verdacht, sie lachen hinter vorgehaltener Hand. Darf man mal fragen, was es da zu lachen gibt? Liebe Familie, ihr wißt es doch: Dieses sich Verweigern gibt einem etwas bestrickend Vogelfreies. Aber gleich der gurrende, insistierende Hinweis: Schau mal dort unten, die Armseligen, neben den Autobahnen und Raststätten, wie sie sich opfern und erniedrigen, wie sie jedem Glück entsagen, um anderem nachzuhecheln. Ach Vater, rufe ich da. Ist nicht gut verzichten, wenn nichts weiter von Belang vorgesehen war? Waren wir uns nicht mal einig, daß es sich um eine Bande von Heuchlern handelt?

Auf diesen Platz kommen nachts junge Leute. Die haben so ihre starren Hierarchien und Regularien. Anders scheinen sie und doch vertraut. Sie entkleiden sich nicht beim Schlafen, sind hochgeschnürt bis an die Eisenherzen. Sie treten das Gras zu klumpigem Zellstoff. Wenn es ihnen gefällt, treten sie den einen, ihr Opfer, ins Gesicht. Sie haben ihn in einem Baum, einem Hochsitz angekettet, der isoliert auf der Wiese steht. Da spielen sie manchmal verrückt. Nebenbei erstechen sie die jungen Vögel in den Nestern rings in den Astgabeln, werfen sie hinunter auf den Boden. Sie haben lange Arme.

Du hast, ihr habt den längeren Atem. Meine Mutter geht über die Wiese. Sie meint im Stillen, ich sei noch immer gestorben und heult in ihren Ärmel. Ich kann nicht mehr nachvollziehen, was sie denkt. Ich gehe nicht mehr nach Hause. Nicht mehr so schnell! Sie zerstören meine Identität durch ihr Gerede. Über alles wollen sie mitreden, dabei muß ihr Blickwinkel ja ein anderer sein. Sie reden nur von denen, die es so oder so geschafft haben. Es ist nicht unbedingt ein böser Wille, der sie bewegt, obwohl Emotionen, man glaubt es kaum, mitspielen.

Ich höre die Musik an, die die jungen Leute in Rekordern mitbringen. Es sind Marschlieder. Es kommt durchaus vor, daß sie mitsingen, sich hineinmischen in den Chor, der sich da dunkel in der warmen Luft vernehmen läßt. Auch dieser Rhythmus, der gleiche Schrittlängen verlangt, hat etwas Berauschendes. Ein paar von ihnen sprechen über den Bund der Soldaten des einen Volkes. Sie haben ihre eigene Vereinigung gegründet und verbeißen sich den Schmerz, wenn sie sich mit ihren Messern gegenseitig tätowieren. Ich horche auf das, was der im Baumhaus Angekettete mir mit Galgenhumor gesteht: Ich war der Größte in der kleinsten Einheit, rein körperlich. Da mußte ich vorneweg marschieren, die Kleinen anführen. Ein Lied wurde angeordnet: Mädel, draußen ist es schön! Wir haben es im Kanon gesungen und als ich das Mäh-Mäh-Mäh- hörte, wußte ich, wo ich war. Eigentlich war es ganz lustig.

Dann schweigt er, denn sie kommen wieder mit ihren Messern und rohen Händen, zu ihrem Opfer und ich gehe, kann das einfach nicht mitansehen. Wo ich es doch am eigenen Leib erfahren habe. Vielleicht deshalb! Heilige Männer aus Indien gehen mir durch den Sinn und wenn ich bei ihnen bin, lenken mich die aufgesetzten Farben und Muster, in die sie sich kleiden und die wieder und wieder geschlagenen Gongs ab. Meine Brüder, die in ihre Leiber Verschlungenen, Verliebten, sind mir ein Rätsel. Und doch gehören auch sie mir. Auch die, die mit durchbohrten Wangen auf Marktplätzen stehen und Feuer fressen. Andere glauben längst weggegangen zu sein, in wüste Gegenden und stehen dort jahrelang auf einem Bein. Die Raserei ihrer Herzen kennt kein Erbarmen, sie schaffen sich am Ende, indem sie sich selbst Vergessen, aus dieser Welt.

Ich schaue ein paar Kindern über die Schulter. Man verlangt Kommentare zur Welt von ihnen, zeigt ihnen Bilder. Man will etwas aus ihnen herausbekommen. Die Prozedur wird vielen schwer und ich helfe ihnen ein wenig. Es soll irgendwie schlüssig sein und muß sich reimen, was sie da aufschreiben. Auf dem Monitor, auf den sie starren, erscheinen ganz reale Comichelden, die es bunt und blutig treiben. Denen gilt es, sich zu stellen. Einer der Kleinen fragt sich:

Im Traum
stand ich in einem großen Raum
Da machte jemand die Lampe an.
Oh Gott, was sah ich dann?


Ich helfe ihm etwas auf die Sprünge, so daß er weiter schreibt:
Das Monster, das in der Höhle wacht,
hat ein komisches Gesicht gemacht,
als es den Forscher zu sehen bekommt.
Doch der zieht seine Pistole prompt.
Das Monster sieht jetzt aus wie ne Kuh,
doch der Forscher paßt sich an im Nu.
Dann sieht es aus wie ein Löwe,
mir wärs lieber, es wär eine Möwe.
Es sagt zu mir: ich werd dich fressen,
das wirst du im Leben nie vergessen.


Der Kleine freut sich über das lange Gedicht, das ihm gelungen ist. Er fixiert mich, sieht dabei durch mich hindurch. Er rollt mit den Augen. Ich runzle die Stirn, und er tut, was ich tue, imitiert mich, daß ich kaum ernst bleiben kann. Dann schreibt er:

Auf dem Bild ist ein Palast,
die Monster haben sich angepaßt.
Andere stehen danebenund lachen über das Leben.


Dabei habe ich nur wegen der urkomischen Fratze gelächelt, die der Kleine zog.

Draußen auf dem Schulhof, die gierigen Riesenmöwen, reißen den Kindern das Brot aus der Hand. Darf der Mensch im Sinne seiner Selbsterhaltung Geschöpfe Gottes niedermachen? Die Möwen sind keine Tauben und auch die Tauben sind alles andere als friedfertig. Das ist nur ein Klischee, eine willkürliche Symbolik, die eingerissen ist. Das wurde mir von oben bestätigt. Oder? Ach nein! Betrachtet die Blumen auf dem Feld, Gänseblümchen oder Schwertlilien, wie sie unter den ihnen auferlegten Bedeutungen fast zusammenbrechen! Und doch, wie unvergleichlich und herrlich sie sich zur Erde krümmen. Ich fasse sie unters Kinn ihrer Blütenknospen und hebe ihr Gesicht gegen die Sonne. Wie sie schweigen! Wie sie ertragen! Und stumm bleiben!

Während andere sich wälzen und um Gnade betteln. Einigen wird sie gewährt werden. Kümmert euch, sage ich den Angehörigen. Bleibt wach, rate ich den Schweiß gebadeten Kranken, die sich langsam ihrer Schuld bewußt werden. Wenn ich vorbeikomme, will ich Licht im Fenster sehen! Da soll einer am Bett sitzen und auf die Atemzüge der Eingeschlafenen achten! Verlaßt euch nicht! Kann sein, daß man einen unbemerkt entführt, daß ich selbst einen mit mir nehme, nach draußen ins Mondlicht, auf die Wiese. Denn ich fühle mich einsam. Ich wandere auf der Welt und man nimmt mich kaum zur Kenntnis, schreit einfach ins Blaue. Sogar mein Vater, der ganz woanders ist, ruft in einer Anwandlung von Mitleid in meine Richtung: Seht, dort geht mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Früher hätte ich das noch für unglaublich gehalten. Oder bin ich bereits vergeßlichgeworden? Es ist wohl auch so, daß er sein Alter spürt.

Ich habe eine Methode entwickelt, abzuschalten. Seht mal, während ihr mir hier zusetzt, bin ich in Zentralafrika oder Indonesien. Das müßt ihr eigentlich verstehen. Die Sommer dort sind vielfältiger und ausgelassener. Mir ist, als ob ich mich dort ebenfalls vervielfältigen kann. Oh, ich überlege ernsthaft, ob ich mich gemein mache mit jenen Öl triefenden, mit Hühnerfedern beschmierten Götzen. Aber diese Form von Extase scheint mir verwehrt. Ich habe auch keinen Hunger auf solche Opfer. Für mich und meinesgleichen, das ewige Eis, die kargen Rollfelder der Zivilisation?

Heute weiden die Schafe unter mir. Ich fühle den wolligen Rücken der Tiere, die sich aneinander drängen. Neben den Vögeln sind mir die Schafe immer lieb gewesen. Das war schon so offensichtlich, daß man mich für ihren Hüter hielt. Ihr gedankenloses Blöken, ihr Hang zur Betäubung in der Masse! Diese drolligen Mäh-Laute in bestimmten Situationen! Damit verraten sie sich prompt, wenn sie sich abseits der Wege selbstständig machen. Einige Lämmer habe ich gerettet, ja. Doch der Hüter all meiner Brüder kann ich nicht sein, das überfordert mich wirklich. Wacht also beieinander in euren dunklen Nächten!

Dieses Blöken der Schafe, der Gesang der Wale! Mich rührt eine bestimmte Art von Musik, an meiner Stirn pocht meine musische Ader. Ich zeichne eine Hieroglyphe, ein Bild in den Sand und schreibe auf einen Stein: Alles was war, soll vergessen sein! Soll das heißen, fragt es in mir, daß du dein Tagwerk noch einmal beginnen willst? Nein! Ich sehe nur, wie unvollkommen die Welt beschaffen ist. Daß sie noch lange nicht ausgeschöpft ist. Ich mache andere darauf aufmerksam, während ich die Klagen abtue und nur noch meine Musik hören will.

Meine Wiese, ein Schlachtfeld! Auf jedem Quadratmeter verblutete ein Bauer oder ein Ritter. Alles ist im Wechsel rot und grün gewesen. In einem Gartenhäuschen saß an einigen Herbsttagen ein Kind mit einer gepuderten Perücke und übte auf einer Geige, bis es das Instrument beherrschte. Als es soweit war, riß es sich die Perücke vom Kopf. Hübsche Mädchen sitzen jetzt an Nachmittagen auf der Wiese. Fast nehmen sie meine Sitzhaltung ein. Ihre Augen gehen bis zum Horizont, sie scheinen zu sehen, was ich sehe. Sie haben vorsorgend Wasserflaschen mitgebracht, trinken ab und zu kleine Schlucke. Vielleicht dachten sie, daß es in dieser Gegend weder Quellen noch Getränkestände gibt. Oder sie leiden an einer heimlichen Angst, innerlich auszutrocknen. Ich glaube, daß es sie vor allem nach einer Art Schlichtheit oder Reinheit verlangt. Das Wasser in ihren spiegelnden Flaschen ist lauwarm und ähnlich verschmutzt wie ihre der Sonne ausgesetzten Gliedmaßen.

Dort steht der einzelne Baum mit dem versteckten Zimmer. Es ist ganz still. Für heute haben die Jungen, die Verzweifelten ihre Marschlieder ausgesungen. Samtene Nacht lagert im grünen Laub. Der Gequälte schaut mir in die Augen, und ich sehe, wie ein seltenes, fast euphorisches Licht in seinen Pupillen die Oberhand gewinnt. An seiner Seite sitzt ein kleines menschliches Skelett, aus Plastik oder gelblichem Elfenbein. Der Wind schlägt die Knöchlein gegeneinander, der kleine Totenschädel grinst. Und ich höre mich sagen: Was kann ich tun?Das Skelett nimmt die weiche Hand des jungen Mannes, ein pyknischer Typ, und meine schlanke Langfingrige. Das kleine Gerippe bringt es fertig, beide in seiner winzigen fleischlosen Kralle zu halten. Mein Bruder, der Tod, scherzt gerne. Ich frage noch einmal: Was kann ich tun?

Da öffnet der Junge den Mund, und Blut und Wasser fließen heraus.Du sollst mir nur folgen, sagt er dann etwas schwerfällig. Mit mir die Wege gehen, die Plätze aufsuchen, die ich deiner Aufmerksamkeit empfehle. Ich habe etwas für dich, sagt sein euphorischer Blick. Er will mich geradezu verhexen, ich spüre es. Wo ich doch müde bin zum Gott Erbarmen. Der Junge muß sich übergeben, danach fühlt er sich leichter. Hört ihr die Schreie, frage ich die beiden neben mir. Und jetzt das gehässige Gemurmel: Sitzt da und rührt keinen Finger! Ach, kann ich nicht endlich die Ohren vor all dem verschließen? Der Pykniker sagt mit seiner schwachen Stimme: Mach dir nichts draus! Ich habe ein Mittel dagegen. Der Junge hat so blaue Augen. Das Skelett schüttelt seine Nacktheit, sagt: Wir gehen ans Meer!

Ans Meer? Eine gute Idee, sage ich. Die Brandung ist oft so laut, daß sie die Hilferufe schluckt. Wir stehen am Strand, es könnte Hawai sein, und sehen zu, wie sich der Ozean überschlägt. Ich wollte es immer tun, habe so oft daran gedacht, erzählt der Junge, dem es jetzt sichtlich besser geht. Es ist eine Sehnsucht, die ich im Leben nie benennen, nie stillen konnte. Das kleine Skelett zeigt auf einen der Surfer und lacht erregt. Das gischtige abfließende Wasser hängt sich in weißen Bläschen zwischen seine Zehen. Die feuchte Luft in meinem Gesicht, der strenge Geruch weckt mich aus Träumen, die sich bei mir nur andeuten, nie entfalten, denn es sind immer Tagträume, ohne den Rausch nächtlicher Verwandlung.

Auf den Gipfeln der Kämme, junge Götter mit gehärteten Körpern! Sie sehen uns nicht. Halten sich geduckt bereit, breiten schon die Arme aus. Wann ist der Moment gekommen, sich aufzurichten, wie halte ich das Gleichgewicht? Es zieht sie ins Infernalische. Sie spielen Roulette, indem sie den Kopf benutzen. Wind und Wellen winseln unter ihren Füßen. Sie wollen gar nicht durch die Wand und rutschen nicht aus an den steigenden Wasserfällen. In windigen Fahrstühlen katapultiert es sie in die Höhe wie in die Tiefe. Vielleicht haben sie es wirklich herausgefunden, wie man sich anpaßt, um heil heraus zu kommen. Sie schneiden meinen Traum. Und tauchen im gegebenen Fall unter. Lassen sich verschlingen von den gläsernen Türmen, die nicht zusammenstürzen, sondern sich zu stählernen Röhren rollen. Ihre Gestalt ist immer fließend, das hatten wir so vorgesehen. Aus ihnen gehen die Männer unverletzt hervor. Aus ihrem Haar schleudern sie das blitzende Wasser wie Gnadengeschenke auf den Strand.

Bei den Wasserfällen, tanzende Mädchen, die mit den Zuckungen ihres Bauchs etwas erzählen, wofür keine Schrift vorhanden ist. Sie singen von Tsunamis, siebzehn Meter hohen Flutwellen, die die Küsten verwüsten. Dann laufen sie zu den Männern und schmecken deren salzige Haut. Aber die Männer beachten sie nicht. Fahren in ihren Booten aufs tiefere Meer hinaus und springen dort über Bord. Auf dem Meeresgrund liegen Felsblöcke. Man hat sie extra hier hinab gestürzt. Die Taucher packen sich einen der Brocken und schleppen ihn mit schweren Schritten, die den Sand aufwirbeln, soweit wie sie können und so schnell wie es ihnen nur möglich ist. Ein Wettspiel auf dem Meeresgrund? Das Ganze soll die Lunge, die Atmung trainieren. Wenn es die Surfer einmal minutenlang unter Wasser drückt, werden sie länger widerstehen können. Das Spiel geht in angenehmer Stille vor sich. Nur das unterdrückte Glucksen zäh sich lösender Luftperlen umgibt sie, beinahe platzt ihnen die Brust. Manchmal hört einer den sehnsüchtigen Ruf eines Wales.

Mein Bruder hat mich ermutigt: Komm schon! Was hast du zu verlieren, fragt er. Ach, es ist herrlich! Ein paar Mal habe ich es inzwischen getan. Ich fahre hinab in den rauschenden Tunnel, dann wieder hinauf ans Licht. Ich lege Spuren, die sofort hinter mir verwischen. Gott sei Dank! Ich rase und gleite, ich stürze und reite und lasse mich überrieseln von prickelnden Atomen. Ich hoffe nicht darauf, etwas Neues an den Tag zu bringen oder weiter zu schöpfen, wo er aufgehört hat. Da ist nur für Sekunden eine Andeutung von Harmonie, ich gehöre zu dieser Woge, die ich von Anbeginn kenne. Und, was ich kaum noch für möglich hielt: Dort, wenn sie sich über mich beugt, im stählernen Kanal, herrscht für Augenblicke Ruhe. Der Pykniker liegt atemlos, mit grauem Gesicht in der Sonne. Seine letzten Worte waren: Liebst du sie jetzt nicht auch ein wenig, diese wunderbaren Extremsportarten? Wenn ich ihn so ansehe, kann ich ihn verstehen.

dieser Text erschien erstmals in „Der Rabe 57“, Haffmans Verlag Zürich, 1999

Fußlos

llustrationen von Christa Estenfeld

Fußlos
In einem Dorf in Thailand gab es ein Kind, das hieß Fußlos. Zwar hatte es Füße, aber diese berührten nie den Boden. Sie waren klein wie Tierpfoten, und die Beine schienen nicht lang und kräftig genug, um den Körper tragen zu können. Vielleicht kam dies daher, daß die Mutter es immer und überall auf dem Rücken mit sich herumschleppte, zur Arbeit auf den Reisfeldern, auf den Markt und zum Tanzen. Obwohl das Tragen von kleinen Kindern in Thailand Sitte ist, übertrieb diese Frau es maßlos.

Fußlos war ein Jahr alt war, als die Mutter ein weiteres Kind bekam. Sie legte Fußlos aber nun nicht zuhause in der bequemen Hängematte ab, sondern band sich das Neue noch zusätzlich vor die Brust, schaute bald nach dem Säugling, bald nach Fußlos auf ihrem Rücken und küßte beide Kinderköpfchen, das kleinere wie das größere, das sich über ihre Schulter fest an ihren Hals schmiegte…

Fußlos schrie auf, zum ersten Mal in seinem Leben, voll Angst vor dem ungewohnt neuen Pferdchen, das er nun statt seiner Mutter reiten mußte. In dem Tiger aber wuchs die Angst vor einem Unheil, das er sich selbst eingehandelt hatte. Nicht Hunger und Durst bedrückten ihn jetzt, er raste davon, schüttelte sich immer wieder, um den Teufel selbst, in einer seiner vielen Gestalten, abzuwerfen.

Er stürzte sich in das dichteste Unterholz, und Bambusstangen schlugen auf ihn ein, schnellten zurück und trafen ihn wieder. Hartes Gras streifte an seinem Bauch entlang und splittrige, zerbrochene Äste prasselten auf ihn herab. Manches davon traf Fußlos. Doch weiche Blätter blieben an ihm kleben und schützten ihn. Fußlos drückte seinen Kopf in die langen Nackenhaare des Tigers, suchte dort Zuflucht. Doch seine Angst wuchs und wuchs.Irgendwie mußte er diesen Todesgalopp überstehen. So stieß er immer wieder gegen das Ohr des Tieres den Satz aus, den sich seine Mutter mehrmals am Tag vorgesagt hatte: „Nur nicht auf den Boden fallen lassen.“ Den Tiger kitzelte die dünne Menschenstimme in den Gehörgängen. Bald wurde ihr heller Ton zu einer seltsamen Art von Schmerz. „Nur nicht auf den Boden fallen lassen“, schrie Fußlos. „Du Wicht, das könnte dir so passen“, verstand der Tiger. Es klang wie eine Drohung. Die wollte sich das Tier nicht bieten lassen…

Noch vermißte Fußlos die Luft zum Atmen nicht. Hoch über ihm schien jemand das Tageslicht zu löschen. Je tiefer er kam, desto mehr wirbelten blasse Fetzen an ihm vorüber. Seine Finger berührten quallige Brocken. Ein kalter Nebel zog zähe Schlieren im Wasser. Ihm fiel ein, daß er nicht schwimmen konnte und daß er ertrinken könnte.Endlich stieß er auf Grund, auf etwas Hartes. Wäre das Wasser hier nicht so teerschwarz gewesen, hätte Fußlos sehen können, daß es eine alte, weggeworfene Blechbüchse war. Diese war von einer Wasserratte zur geheimen Vorratskammer gewählt worden. Kleine tote Fische, faulige Küchenabfälle, all das, was Ratten nach längerem Lagern besonders gut schmeckt, steckte in ihrem rostigen Inneren. Die Ratte schwamm mehrmals täglich dorthin, nur, um an ihren Schätzen zu riechen.

Auch jetzt schwänzelte sie heran. Obwohl sie Fußlos für einen räuberischen Hecht hielt, ging sie mutig zum Angriff über. Sie trat und boxte um sich, daß es den Eindringling hochwirbelte. Geschickt paddelte sie ihm nach und belehrte ihn mit einigen Bissen, ja nicht wiederzukommen. Da sah sie, daß es ein Menschenkind war, gegen das sie kämpfte und ließ das Beißen sein.

Textausschnitte und Illustrationen aus „Fußlos“

(Weitere bebilderte Erzählungen für Kinder und Erwachsene:
„Der Junge im Turm“ und „Die Puppe Esmé“)